Hagakure

Das Buch des Samurai



Aus dem ersten Kapitel
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Obwohl es außer Frage steht, dass ein Krieger sich des Weges des Kriegers bewusst sein muss, scheint es mir, als ob alle nachlässig geworden sind. wenn uns jemand fragen würde: " Was ist die wahre Bedeutung vom Weg des Kriegers?", könnten nur wenige darauf eine Antwort geben.
Das liegt daran, dass wir uns nicht mehr auf den Weg konzentrieren.
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Der Weg des Kriegers ist der Tod. Wenn ein Krieger sich zwischen Leben und Tod entscheiden muss, gibt es für ihn nur die schnelle Wahl des Todes. Das ist nicht besonders schwierig. Sei entschlossen und handle. Frivole Intellektuelle behaupten, zu sterben, ohne sein Ziel erreicht zu haben, sei ein sinnloser Tod. Doch wenn einem Krieger nur noch die Wahl zwischen Leben oder Tod bleibt, dann ist es für ihn nicht nötig, sein Ziel zu erreichen.
Wir alle wollen leben. Und die meisten von uns passen ihr Verhalten diesem Wunsch an. Aber wenn wir unser Ziel verfehlen und weiterleben, sind wir Feiglinge. Es ist eine Gratwanderung. Zu sterben, ohne sein Ziel erreicht zu haben, ist schrecklich und zeugt von Fanatismus. Aber es ist keine Schande. Das ist der Kern vom Weg des Kriegers. Wer jeden Morgen und jeden Abend sein Herz prüft und dadurch fähig wird, so zu Leben, als wäre sein Körper schon tot, den macht dieser Weg frei. Er wird sich nie etwas zuschulden kommen lassen und wird auch in seinem Gewerbe erfolgreich sein.
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Ein Mann ist nur dann ein guter Gefolgsmann, wenn er seinem Herrn aufrichtig ergeben ist. Wer in eine berühmte Familie mit einem langem Stammbaum hineingeboren wird, der braucht sich nur bewusst zu machen, welche Verpflichtung er gegenüber seinen Ahnen hat. Dann wird er den eigenen Körper und Geist aufgeben und voller Eifer seinem Herrn dienen.
Wer darüber hinaus Klugheit und Talent besitzt und sie entsprechend einsetzen versteht, der kann sich glücklich schätzen. Aber selbst ein Mensch, der zu nichts nütze ist und keinerlei Umgangsformen besitzt, wird ein zuverlässiger Gefolgsmann sein, wenn er nur entschlossen ist, aufrichtig seinem Herrn zu dienen. Wer dagegen nur über Klugheit und Talent verfügt, ist seinem Herrn von geringem Nutzen.
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Entsprechend ihrem Naturell gibt es Menschen, die eine schnelle Auffassungsgabe besitzen, und Menschen, die sich zum Nachdenken zurückziehen müssen. Wer selbstlos denkt und sich an die vier Schwüre des Nabeshima-Klans hält, der erlangt mühelos Weisheit, egal ob ihn die Natur nn reichlich oder nur in einem geringen Maße mit Gaben beschenkt hat.
Menschen die glauben, dass sie die schwierigsten Angelegenheiten lösen können, indem sie gründlich nachdenken, erliegen einem Irrglauben und werden scheitern, denn ihre Gedanken sind selbstsüchtig.
Es ist schwer, sich von seinem schlechten Gewohnheiten zu trennen und selbstlos zu sein. Wer ein schwieriges Problem lösen will, dem empfehle ich: Lass es zuerst auf sich beruhen und besinne dich auf die vier schwüre in deinem Herzen. Schließe dann deinen Eigennutz aus und packe das Problem beherzt an und du wirst dein Ziel erreichen.
Die vier Schwüre des Nabeshima-Klans:
Niemals auf dem Weg des Kriegers übertroffen werden
Dem Meister von größtmöglichen Nutzen zu sein
Meine Eltern immer gut zu behandeln
Mitgefühl zu zeigen und dem Wohl der Menschheit zu dienen
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Weil wir uns in den meisten Angelegenheiten auf unseren Scharfsinn verlassen, werden wir überheblich, kehren der Vernunft den Rücken und alles misslingt. Jeder erkennt, wie lächerlich und nutzlos das ist Wer zu wahrer Intelligenz nicht fähig ist, sollte jemanden konsultieren, der ein gesundes Urteilsvermögen besitzt.
Ein solcher unvoreingenommener Ratgeber wird die passende Lösung finden, vorausgesetzt sein Rat ist selbstlos und aufrichtig. Ein Problem auf diese Weise zu lösen wird jeder loben. Solche Lösungen sind stabil wie ein großer Baum mit starken Wurzeln. Die Intelligenz eines einzelnen Mannes dagegen ist wie ein Baum, den man einfach in den Boden gesteckt hat.
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Wir lernen aus den Worten und Taten unserer Ahnen, um von ihrem Wissen zu profitieren und Demut zu üben. Wenn wir uns von unseren Vorurteilen lösen, das Wissen der alten ehren und uns mit unseren Mitmenschen beraten, werden alle Angelegenheiten glatt verlaufen. Fürst Katsushige machte sich die Weisheit seines Vaters, Fürst Naoshige, zunutze. Sein Vater schreib seine Einsichten nieder im Ohanashikikigaki. Das war weitblickend und fürsorglich.
Es gab einen Mann, der einige seiner jüngeren Brüder zu seinen Gefolgsleuten machte. Wann immer er Edo oder die Gegend von Kamigata besuchte, ließ er sich von ihnen begleiten . es heißt, er habe sie jeden Tag um ihren Rat gebeten, sowohl in privaten wie im öffentlichen Angelegenheiten, und so sei ihm nie ein Unglück zugestoßen.
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Einmal , als Fürst Mitsushige noch ein kleiner Junge war und vor dem Mönch Kaion aus einem Buch zitieren sollte rief er die anderen Kinder und Novizen und sagte:" Bitte kommt her und hört mir zu. Es ist schwer, vorzulesen, wenn kaum jemand zuhört." Der Mönch war beeindruckt und sagte zu seinen Novizen: "Das ist der Geist, in dem alles getan werden sollte."
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Der Mönch Tannen pflegte zu sagen: " Die Menschen werden nicht klüger, weil die Mönche sie nur die Doktrin "Keine Gedanken" lehren. Was als "Keine Gedanken" bezeichnet wird, ist ein Geist, der rein und ganz gradlinig denkt." Das ist interessant.
Munen Mushin: "Keine Gedanken". Im Buddhismus Bezeichnung für den Zustand, in dem man von allen weltlichen Gedanken frei ist.
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Ein gewisser Schwertkämpfer sagte kurz vor seinem Tod Folgendes:
Im Leben gibt es mehrere Stufen des Studiums.
Auf der niedrigsten Stufe studierst du aber es kommt nix dabei heraus und du hast das Gefühl, du und alle anderen Menschen seien wertlos.
Auf der mittleren Stufe fühlst du dich immer noch wertlos, aber du siehst deine Mängel und die Mängel der anderen.
Auf einer höheren Stufe bist du stolz auf deine eigenen Fähigkeiten, wirst von den anderen gelobt und beklagst dich über die Unfähigkeit deiner Kameraden. Dann bist du etwas wert.
Auf der höchsten Stufe siehst du aus, als hättest du von nichts eine Ahnung.
Das sind im Allgemeinen die Stufen. Aber es gibt eine Stufe, die über diese Stufen hinausgeht. Sie ist die höchste von allen. Auf dieser Stufe bist du dir bewusst, dass du niemals aufhörst, immerzu tiefer in den Do einzudringen, und glaubst nie fertig zu sein. Du kennst deine Mängel wirklich und denkst niemals, dass du dein Ziel erreicht hast. Du hast keinen Stolz, sondern bist dir des Weges voller Demut bewusst. es heißt, dass Meister Yagu einmal sagte: " Ich weiß nicht, wie ich andere besiege, aber ich weiß, wie ich mich selbst besiege".
Do = weg: Do kann sich entweder auf eine Disziplin beziehen wie Kendo, "Der Weg des Schwertes", oder auf den universalen "Weg" des Taoismus oder Buddhismus. diese zwei Bedeutungen werden nicht klar getrennt, wobei der Gedanke dahinter steckt, dass durch den geringeren Weg der größere erreicht werden kann.
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Unter den Maximen, die an Fürst Naoshiges Wand standen, gab es folgende:
"Wichtige Angelegenheiten sollten mit leichter Hand behandelt werden."

Meister Ittei fügte hinzu:
"Unwichtige Angelegenheiten sollten ernsthaft behandelt werden."

Unter deinen Tagespunkten sollte es nur zwei bis drei geben, dir du als wichtig bezeichnen würdest. Wenn du über sie in ruhigen Zeiten nachdenkst, dann wirst du sie bewältigen. Über Angelegenheiten im Vorhinein nachzudenken und sie mit leichter Hand zu bewältigen, wenn sie anstehen, das ist die Lösung.
Mit einer Situation konfrontiert zu werden und sie leicht zu bewältigen ist schwierig, wenn du dich nicht vorher mit ihr auseinander gesetzt hast. Du wirst außerdem immer Angst haben zu versagen. Wenn du aber schon vorher die Basis gelegt hast, dann kannst du die Maxime "Wichtige Angelegenheiten sollten leichthin bewältigt werden" zu deiner eigenen machen.
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Es ist natürlich (wenn man in kultivierteren Gebieten ist), dass man von verschiedenen Stilen beeinflusst wird. Aber es ist geschmacklos und dumm, au den eigenen Herkunftsort als bäuerisch herabzublicken oder sich sogar den Sitten des neuen Ortes zu öffnen und mit dem Gedanken zu spielen, eine eigenen Sitten aufzugeben. Dass dein eigener Distrikt weniger kultiviert und ungeschliffen ist, ist ein großer Schatz. ein anderen Stil zu imitieren ist reine Angeberei.
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Ein gewisser Mann brachte Schande über sich, indem er nicht Rache nahm. Der Weg der Rache liegt einfach darin, sich mit Gewalt Zutritt zu einem Ort zu verschaffen und erschlagen zu werden. Das ist keine Schande. Wenn du darüber nachdenkst, wie du Rache nimmst, verlierst du wertvolle Zeit. Während du überlegst, wie viele Männer der Feind hat, vergeht Zeit; am Ende gibst du auf.
Auch wenn der Feind tausende von Männern hat, nimm trotzdem Rache. Halte sie dir vom Leibe und sei entschlossen, alle zu erschlagen, angefangen beim ersten Mann, dann wirst du die meisten erschlagen.
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In China lebte ein Mann, der Darstellungen von Drachen über alles liebte. Dementsprechend waren alle seine Kleider und Möbelstücke mit Drachen verziert. Seine Neigung kam dem Drachengott zu Ohren und eines Tages erschien ein wirklicher Drache vor seinem Fenster. Es heißt, der Mann sei vor Angst gestorben.
Vermutlich gehörte er zu dem Menschenschlag, der gern große Töne spuckt, aber sich verkriecht, wenn er mit der Realität konfrontiert wird.
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Es heißt:" Wenn du in das Herz eines Menschen schauen willst, werde krank." Wenn du krank oder in Schwierigkeiten bist, werden viele deiner Freunde sich zurückziehen. Wann immer ein anderer in Schwierigkeiten steckt, solltest du ihn deshalb unbedingt besuchen oder ihm Geschenke schicken. Und du solltest niemals einen Menschen im Stich lassen, der dir einmal einen Gefallen erwiesen hat.
In dieser Welt gibt es zu viele Menschen, die dich um Hilfe bitten, wenn sie in Schwierigkeiten sind, und danach keinen Gedanken an dich verschwenden.
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Fürst Naoshige sagte einmal: "Der Weg des Kriegers besteht in der Verzweifelung. einen verzweifelten Mann können zehn oder mehr Männer nicht töten. Ein gewöhnlicher Geist wird nichts Außergewöhnliches erreichen. Werde wahnsinnig und verzweifle!"

In japanisch ist das Wort dafür shiniguari, was heißt: "darauf brennen zu sterben". Das bedeutet in anderen Worten, furchtlos in den Tod zu gehen.
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Wenn du in eine missliche oder schwierige Lage gerätst, reicht es nicht, zu behaupten, dass du keine Angst hast. Überwinde deine Angst und stürme tapfer und freudig voran! Denke an das Sprichwort: "Je mehr Wasser, desto höher das Boot".
Wenn du denkst, du könntest es den Meistern an ruhmvollen Taten nicht gleichtun, irrst du. Auch die Meister sind nur Menschen. Wenn du glaubst, du seiest ihnen unterlegen, dann bist du allerdings auf dem besten Weg dazu.
Meister Ittei sagte:" Konfuzius wurde weise, weil er mit 15 Jahren beschloss, ein Gelehrter zu werden. Er wurde nicht dadurch weise , dass er später studierte." Das entspricht dem buddhistischen Sprichwort: " Erst die Absicht, dann die Erleuchtung."
Aus Pi-yen-lu, einem chinesischen Buch des Koans: "Je höher das Wasser, desto höher das Boot. Je mehr Schmutz, desto größer der Buddha."
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Überlegen ist, wer andere um ihre Kritik bittet. Die meisten Menschen halten an ihren Meinungen fest und bringen es deshalb zu nichts. Mit jemandem zu diskutieren bedeutet, sich weiter zu entwickeln. Ich sprach neulich mit jemandem über die Schriftstücke des Klans, obwohl er mir in Kalligraphie und Recherche weit überlegen ist. Wenn du andere um Rat bittest, lernst du dazu.
Es ist ungesund, sich auf mehr als eine Sache zu konzentrieren. Beschränke dich auf den Weg des Kriegers. Es ist Unsinn, sich nebenher mit den Lehren von Konfuzius oder des Buddhismus zu beschäftigen und dann auch noch zu behaupten, sie seien identisch mit dem Weg des Kriegers.
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Egal was es ist, nichts ist unmöglich. wer einen starken Willen besitzt, der kann mühelos Himmel und Erde bewegen. Wem es dagegen an Mumm fehlt, der traut sich nichts zu. Himmel und Erde lassen sich ohne Anstrengung bewegen, allein durch Konzentration.
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Laut unserer Ahnen sollte ein Krieger immer sein Letztes geben und bis zum Äußersten gehen. Wenn du vorsichtig zu Werke gehst, könnte es später heißen, du hättest wenig getan.
Ich habe einmal den Satz gehört: "Wenn du glaubst, du seist zu weit gegangen, dann hast du richtig gehandelt."
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Sei der Gegenwart treu und vermeide Ablenkungen. Lasse dich auf nichts anderes ein, als jeden Tag dein Bestes zu geben, und lebe von Tag zu Tag.
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Es gibt Situation, in denen du dich auf einen anderen Menschen verlassen musst. Wenn du das mehrmals tust, dann wird es zur Belästigung und ist äußerst unhöflich.
Wenn etwas getan werden muss, ist es besser , sich nicht auf andere zu verlassen.
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Das Leben des Menschen ist kurz. Deshalb solltest du das tun, was du tun willst. Es ist närrisch, in dieser Traumwelt zu leben, lauter unangenehme Dinge zu sehen und nur Dinge zu tun, die du nicht magst. Allerdings ist es wichtig, das nicht den jungen Menschen auf die Nase zu binden, da es ihnen - falsch verstanden - schaden kann.
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Unachtsamkeit wird stets bestraft. Es kann dir bei einer Versammlung passieren, dass du jemand abwesend zustimmst, obwohl er eine Position vertritt, die deinen Gefühlen widerläuft. die anderen werden daraus schließen, dass du mit ihm übereinstimmst. Deswegen solltest du sehr aufmerksam zuhören, wenn du mit anderen zusammen bist.
Wenn jemand mit dir spricht oder dir eine Geschichte erzählt, musst du gut aufpassen, um dich nicht zu blamieren. wenn du anderer Meinung bist, dann sprich es aus und weise deinen Gesprächspartner entschieden in die Schranken. Sogar bei unbedeutenden Angelegenheiten kann Unachtsamkeit schwerer Folgen haben.
Außerdem solltest du Menschen meiden, die dir nicht vertrauenswürdig erscheinen. Egal wie du sie behandelst, sie werden dich letztlich betrügen oder bloßstellen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.
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Wenn du auf dem Schlachtfeld stehst, dann setze alles daran, der Erste zu sein, der durch die feindlichen Linien bricht. Das wird verhindern, dass du zurückfällst, es wird dich abhärten und deinen Mut stärken. Dieser Rat stammt von unseren Vorfahren. Falls du in der Schlacht fällst, solltest du außerdem darauf bedacht sein, dass du im Moment des Todes dem Gegner ins Auge schaust.
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Yamamoto Jin´emon sagte einmal: „Für einen Krieger ist es am wichtigsten, gute Gefolgsleute zu haben. Größere militärische Operationen können nicht von einem Einzelnen durchgeführt werden, egal wie entschlossen er ist. Geld lässt sich borgen, aber ein guter Mann ist schwer zu bekommen. Du solltest einen Gefolgsmann von Anfang an gut behandeln. Und du darfst nicht nur an dich selbst denken. teile deinen Lohn unter deinen Untergebenen auf und sie werden dir treu ergeben sein.“
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Ein Künstler ähnelt einem Narren. Wegen seiner Narrheit beschäftigt er sich nur mit seiner Kunst und sonst mit gar nichts. So ein Mensch ist wertlos.
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In wichtigen Angelegenheiten solltest du dich auf dein eigenes Urteil verlassen und entschlossen handeln. Wenn du mit anderen Leuten über deine Probleme sprichst, kommt es häufig vor, dass sie dein Problem für unbedeutend halten oder dir nicht sagen, was sie wirklich denken. Zögere nicht, sondern wirf dein Leben in die Waagschale. Wenn du in solchen Momenten nachdenkst, gerätst du in Verwirrung und machst Fehler. Häufig bringt dich ein Verbündeter oder Freund, der die Lage falsch einschätzt, in tödliche Gefahr. das solltest du auch bedenken, wenn du um die Erlaubnis bittest, Mönch zu werden.
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Meister Ittei sagte: " Wenn mich jemand fragen würde: `Wie werde ich ein guter Mensch?´ wäre meine Antwort: `Ertrage Leid!´ Wer kein Leid erträgt, bekommt einen schlechten Charakter."
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Wer sorgfältig die Ereignisse der Vergangenheit untersucht, stellt fest, dass sie sehr unterschiedlich bewertet werden und einiges ganz im Dunkeln bleibt. Es ist besser, solche Dinge auf sich beruhen zu lassen. Fürst Sanenori sagte einmal: " Was die Dinge betrifft, die wir nicht verstehen, es gibt Wege, um auch sie zu verstehen. Einmal abgesehen davon verstehen wir einige Dinge ohne weiteres, während wir andere niemals verstehen, so sehr wir uns auch bemühen. Das ist interessant."
Sanenori ist weise. Es ist natürlich, dass wir tiefgründige und verborgene Dinge nicht verstehen. Dinge, die wir leicht verstehen, sind oberflächlich.
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Senil sein bedeutet, nur noch das zu tun , was einem Spass macht. Solange du noch jung und stark bist, kannst du diesen Drang gut unterdrücken. Aber wenn du älter und schwächer wirst, kommt dein wahres Naturell zum Vorschein und macht dir Schande. Das zeigt sich in vielen Dingen, aber es gibt keinen Mann, der nicht senil würde, wenn er auf die 60 zugeht. Und wenn jemand glaubt, er würde nicht senil werden, dann ist er es schon. Das gilt auch für Meister Ittei. als wollte er allen zeigen, wie nützlich er für den Nabeshima-Klan sei, ging er noch im hohen Alter zu den Häusern der wichtigsten Gefolgsleute und schwatze freundlich mit ihnen. Damals hielten das alle für vernünftig. Aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, war es ein Zeichen von Senilität. Da ich selbst dieses gute Beispielt habe und spüre, dass der Altersschwachsinn langsam von mir Besitz ergreift, habe ich es abgelehnt, zur Feier am 13. Todestag von Fürst Mitsushige zum Tempel zu gehen. Ich habe mich entschlossen, mehr zu Hause zu bleiben. Man sollte wissen was einem zusteht.
Wer allzu selbst sicher ist, den wird es nicht stören, wenn ein paar Kleinigkeiten anders verlaufen, als er es erwartet hat. Aber letztlich sind gerade Kleinigkeiten entscheidend. Ob dir etwas gelingt oder misslingt, hängt häufig von scheinbar unbedeutenden Dingen ab.
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Wenn du echten Mut besitzt und dein Herz frei ist von Zweifeln, wirst du in der Stunde der Wahrheit von selbst das Richtige tun. Dein wahres Ich lässt sich daran ablesen, wie du dich verhälst und wie du sprichst. Was du sagst, ist besonders wichtig. Worte sind nicht dafür dam deine Gefühle zu zeigen. Dein Herz erkennen die Menschen daran, was du tust.
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Ein Meister im Buch der Wandlungen sagte: "Selbst einem Mönch sollte man kein hohes Amt geben, solange er noch jünger als 40 Jahre alt ist." Er meinte damit, dass ein solcher Mann noch viele Fehler macht. Konfuzius war nicht der Einzige, den nichts mehr aus der Fassung brachte, nachdem er 40 geworden war. Wenn jemand 40 Jahre alt ist, dann hat er, ob klug oder dumm, genügend Erfahrung gesammelt, um sich durch nichts mehr aus der Fassung bringen zu lassen.
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Wer den Weg des Kriegers geht und dabei nachdenkt, der wird zurückfallen. Du brauchst weder Loyalität noch Ergebenheit. du brauchst nur zu verzweifeln. Loyalität und Ergebenheit erwachsen aus Verzweiflung.
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Von einem Gewitter kann man etwas lernen. Wenn du plötzlich von einem Regenschauer überrascht wirst, dann läufst du die Straße entlang, um nicht nass zu werden. Aber auch wenn du beim Laufen die Dachvorsprünge nutzt, wirst du trotzdem nass. Wenn du auf den Schauer von Anfang an vorbereitet bist, wirst du nicht überrascht sein, auch wenn du trotzdem nass wirst. Das lässt sich auf alle Situationen übertragen.
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Was sollte man antworten, wenn man gefragt wird: "Welche Aufgabe und welches Maß an Disziplin braucht ein Mensch?" Zuerst: "Er sollte einen Geist entwickeln, der rein und frei von Gedanken ist."
Die Menschen wirken im Allgemeinen traurig. Wer aber einen reinen Geist hat, der wirkt lebendig. Wer sich auf die Gegenwart konzentriert, bei dem kommt alles von Herzen. In Bezug auf den Fürsten ist das Loyalität, in Bezug auf die Eltern Liebe; in Kriegsdingen Tapferkeit; und in allem andern etwas, das von Nutzen für die Welt ist.
Das zu verstehen ist sehr schwer. Wenn man es verstanden hat, ist es schwer, sich immer wieder daran zu erinnern. es gibt nichts außer dem Gedanken an die Gegenwart.
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Vor 50 oder 60 Jahren badete jeder Krieger morgens. Er schor sich die Stirn, tat Lotion in die Haare und schnitt seine Finger- und Fußnägel. Dabei rieb er sie erst mit Bimsstein und dann mit hölzernem Sauerampfer ab. Insgesamt achtete er sorgfältig auf sein äußeres Erscheinungsbild. Und es versteht sich von selbst, dass er seine Ausrüstung frei von Rost hielt, sie abstaubte und polierte und sie sehr sorgsam verwahrte.
Auch wenn es eitel scheint, sich besonders um sein Erscheinungsbild zu bemühen, hat das nichts mit dem Bestreben nach Eleganz zu tun. Es reicht nicht, wenn dir bewusst ist, dass du noch heute erschlagen werden kannst, und du keine Angst vor dem unvermeidlichen Tod hast. wenn du in einer ungebührlichen Aufmachung stirbst, zeigt das deinen Mangel an Bereitschaft. Der Feind wird dich verachten und du wirst als unsauber erscheinen. Darum heißt es, dass Jung und Alt auf ihr Erscheinungsbild achten sollten.
Auch wenn du denkst, das sei Zeitverschwendung, so gehört das doch zu den Pflichten eines Kriegers. wenn du stets darauf gefasst bist, in der Schlacht zu sterben, und du mit deinem Leben abgeschlossen hast, wenn du dich immer pflichtbewusst deiner Arbeit und militärischen Angelegenheiten widmest, dann kannst du unmöglich Schande über dich bringen. Aber wenn dir diese Dinge nicht in Fleisch und Blut übergehen und du stattdessen deine Zeit lieber eigensüchtig und selbstgefällig vertust, dann wirst du dich in der Stunde der Wahrheit mit Schande bedecken.
Jemand, der sich nicht rechtzeitig auf seinen unvermeidlichen Tod vorbereitet hat, bewirkt damit unvermeidlich, dass sein Tod gegen die Form verstößt. Aber jemand, der sich rechtzeitig auf seinen Tod vorbereitet hat, wie soll der verachtenswert sein? Du solltest in dieser Hinsicht besonders eifrig sein.
Abgesehen davon haben sich die Sitten in den letzten 30 Jahren verändert; heutzutage treffen sich junge Krieger ausschließlich, um über Geld, Mode oder Sex zu tratschen. Die Sitten verfallen! Man kann sagen, dass früher, wenn ein Mann 20 oder 30 Jahre alt war, er keinerlei anstößige Dinge im Herzen trug und auch keine anstößigen Worte benutzte. Wenn ein älterer Mann unabsichtlich so etwas sagte, dann hielt es der jüngere für eine Beleidigung. Die neuen Sitten kommen vermutlich daher , dass die Leute es für wichtig halten, schön und reich zu sein. Welch Dinge könnte ein Mann erreichen, der nicht eitel an seine Stellung in der Gesellschaft denkt!
Es ist schlimm, dass die jungen Männer von heute so durchtrieben sind und so stolz auf ihre materiellen Güter. Durchtriebene Männer sind pflichtvergessen. Und weil sie pflichtvergessen sind, haben sie keinen Respekt vor sich selbst.
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Für gewöhnlich reicht es, in den Spiegel zu schauen, um dein Äußeres zu überprüfen. Das ist wichtig. das Erscheinungsbild vieler Leute ist mangelhaft, weil sie nicht in den Spiegel schauen.
Korrekte Umgangsformen kannst du erwerben, indem du dich zu Hause darin übst. wenn du möchtest, dass deine Briefe keine Fehler enthalten, dann gib dir auch bei kurzen schriftlichen Mitteilungen Mühe.
Es ist am besten, wenn du dir bei einfach allem, was du tust, Mühe gibst. Der Mönch Ryozan hörte in Kamigata, sogar beim Verfassen eines Briefes solle man sich vorstellen, dass der Empfänger ihn sich als Vorbild an die Wand hängt.
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Jemand, der wenig Verstand hat, jammert über sein Los. Damit bringt er Unheil über sich. Nur wer seine Gefühle im Griff hat, wird in guten Zeiten von Nutzen sein und in schlechten Zeiten von Strafen verschont bleiben.
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Unabhängig von seinem Stand wird ein Mensch, der einen Posten oberhalb seiner sozialen Stellung erreicht, irgendwann etwas Fieses oder Feiges tun. In den unteren Schichten gibt es sogar Leute, die davonlaufen. Man sollte auf der Hut sein vor Dienern und dergleichen.
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Sagara Kyuma war völlig eins mit seinem Herrn und diente ihm, als wäre sein eigener Körper bereits tot. Er war ein außergewöhnlicher Mann.

Kyuma wurde befohlen, Seppuku zu begehen, als ein wichtiges Treffen in Meister Sakyos Villa stattfand. Zu dieser Zeit gab es in Osaki ein Teehaus, von dem aus die Villa überblickt werden konnte. Kyuma mietete es, versammelte dort alle Tagediebe von Saga und ließ ein Puppenspiel aufführen, bei dem er selbst die Puppen bediente, und zechte mit ihnen Tag und Nacht. Die Villa von Meister Sakyo im Blick, fuhr er damit fort, bis er einen großen Aufruhr verursachte. Während er diesen peinlichen Vorfall inszenierte. dachte Kyuma die ganze Zeit nur an seinen Herrn und war entschlossen Selbstmord zu begehen.

Die Umstände, auf die sich diese Passage bezieht, sind unklar; es wird angenommen, das Kyuma ein Vergehen seines Meisters decken wollte.
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Ein Gefolgsmann zu sein bedeutet, seinen Fürsten zu unterstützen, sich ihm im Guten wie im Bösen anzuvertrauen und den Eigennutz hintenanzustellen. Mit nur zwei oder drei solcher Männer ist das Lehen sicher.

Wenn man sich die Welt besieht, dannn entdeckt man viele, die sich den Anschein gebe, als seien sie durch ihre Klugheit, ihre Urteilskraft oder ihre Kunstfertigkeit von Nutzen. Sobald der sich jedoch aufs Altenteil zurückzieht, werden viele ihm sofort den Rücken kehren und versuchen, sich bei seinem Nachfolger beliebt zu machen. Über so etwas auch nur nachzudenken, macht mich wütend.
Männer von hoher und von niedriger Stellung, von großem Scharfsinn und Kunstfertigkeit, sie alle glauben, dass gerade sie ihre Arbeit mustergültig verrichten. Aber wenn der Moment kommt, an dem sie für ihren Fürsten das eigene Leben geben müssten, werden alle weich in den Knien. Das ist schändlich.
Der Umstand, dass ein nutzloser Mensch in diesem Moment häufig über sich selbst hinauswächst, ist damit zu erklären, dass er schon mit seinem Leben abgeschlossen hat und mit dem Fürsten eins geworden ist.
Zur Zeit von Mitsushiges Tod gab es dafür ein Beispiel. Der einzige entschlossene Begleiter war ich. Die anderen folgten mit einfach. Immer drehen die anmaßenden und nur um ihre eigenes Wohl besorgten Würdenträger ihrem Herrn den Rücken zu, wobald er die Augen für immer geschlossen hat.

Es heißt, Loyalität sei wichtig beim Treueschwur zwischen Fürst und Gefolgsmann. Auch wenn sie unerreichbar scheint, sie ist zum Greifen nahe! Wer sich einmal zu ihr entschließt, wird im selben Moment ein hervorragender Gefolgsmann werden.
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Jemand die Meinung zu sagen und ihn auf seine Fehler hinzuweisen ist wichtig. Es beweisst Mitgefühl und ist im Dienst die oberste Pflicht. Aber es auf die richtige Weise zu tun, das ist extrem schwierig.
Herauszufinden, was die Stärken und Schwächen eines Menschen sind, ist leicht. Ein Urteil über ihn zu fällen ist ebenfalls leicht.
Meistens denken Leute, dass sie besonders nett sind, wenn sie Dinge aussprechen, die andere geschmacklos finden oder schwer auszusprechen.
Wenn ihre Kritik allerdings nicht gut aufgenommen wird, glauben sie, nichts weiter tun zu können. Das ist vollkommen wertlos. Es ist dasselbe, als würde man einen anderen Menschen verleumden. Es ist nichts weiter als Dampf ablassen.

Um jemanden seine Meinung zu sagen, musst du vorher sorgsam abschätzen, ob derjenige in einer günstigen Verfassung dafür ist. Du musst dich mit ihm vertraut machen und sichergehen, dass auch er Vertrauen zu dir fasst. Unterhalte dich mit ihm über Themen, die ihm wichtig sind, und versuche, dich möglichst freundlich und unmissverständlich auszudrücken. Halte Ausschau nach einer günstigen Gelegenheit und überlege dir, ob du es ihm per Brief oder lieber zum Abschied sagst. Rühme seine Stärken und nutze jede Möglichkeit, um ihm Mut zu machen, vielleicht indem du über deine eigenen Schwächen sprichst, ohne seine zu berühren, sodass ihm seine Schwächen von selbst bewusst werden. Bringe ihn dazu, deine Meinung entgegenzunehmen wie ein Mann mit trockener Kehle das Wasser, und du wirst seine Fehler korrigieren.
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Das ist extrem schwierig. Wenn jemand schon seit Jahren eine schlechte Angewohnheit hat, wird es dir in der Regel nicht gelingen, ihn davon abzubringen. Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht. Allen seinen Kameraden nahe zu stehen, jeden auf seine Fehler hinzuweisen und sich einzig darauf zu konzentrieren, wie man seinem Herrn von Nutzen sein kann, das ist die große Aufgabe eines Gefolgsmannes. Wie kann man erwarten, einen Menschen zu bessern, indem man ihn bloßstellt?
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Es ist geschmacklos vor anderen Leuten zu gähnen. Wenn du plötzlich spürst, dass du gleich gähnen musst, dann reibe mehrmals mit der Hand über die Stirn nach oben und das Bedürfnis wird verschwinden. Wenn das nicht funktioniert, dann kannst du dir bei geschlossenem Mund über die Lippen lecken oder es einfach mit der Hand oder einem Ärmel so verbergen, dass niemand dein Gähnen bemerkt. Dasselbe gilt für das Niesen. Du wirst als grober Klotz erscheinen. Es gibt darüber hinaus noch andere Dinge, in denen man umsichtiges Verhalten trainieren sollte.
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Als ein gewisser Jemand einmal sagte, dass die gegenwärtigen Angelegenheiten der Wirtschaft detailliert besprochen werden sollten, antwortete ein anderer, das sei gar nicht gut.
Es ist eine Tatsache, dass man keine Fische antrifft, wo das Wasser zu klar ist. Gibt es aber Schilf oder etwas Ähnliches, wird der Fisch sich darunter verstecken und gedeihen. Auf dieselbe Weise leben niedrigere Volksschichten ruhig vor sich hin, wenn gewisse Dinge nicht so genau genommen oder überhört werden. das sollte man hinsichtlich des Betragens von Leuten berücksichtigen.
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Jeden Morgen sollte man seinem Herrn und seinen Eltern die Ehre erweisen und dann seinen Gottheiten und Schutzengeln. Wenn du deinen Meister an die erste Stelle setzt, dann werden deine Eltern stolz auf dich sein und die Götter und Buddhas werden dich unterstützen. Für einen Krieger gibt es nichts anderes als den Gedanken an seinen Herrn. ein Krieger, der das zu seinem festen Vorsatz macht, wird seinen Herrn stets mit höchstem Respekt behandeln und auch nicht einen Moment von seiner Seite weichen.
Abgesehen davon sollte eine Ehefrau stets ihren Mann an die erste Stelle setzen, so wie er zuerst an seinen Herrn denkt.
Laut einer gewissen Person soll Matsuguma Kyoan vor einigen Jahren folgende Geschichte erzählt haben:
In der Heilpraktik gibt es eine unterschiedliche Behandlung von Yin und Yang der Männer und der Frauen. Auch der Puls ist anders. In den letzten 50 Jahren ist der Puls der Männer so geworden wie der von Frauen. Da mir das auffiel, verwendete ich für die Behandlung von Augenerkrankung die sonst nur bei Frauen übliche Behandlung auch für Männer und hatte damit Erfolg. Wenn ich es mit der Behandlung für Männer probierte, blieb das Resultat gleich null. dadurch erfuhr ich, dass der Geist der Männer schwächer geworden war. Sie waren nun so schwach geworden wie Frauen und das Ende der Welt war gekommen. Da ich mir darin ganz sicher war, hielt ich es geheim.
Wenn man sich die Männer von heute mit dieser Geschichte im Hinterkopf ansieht, dann scheint es wirklich viele zu geben, die den Puls eine Frau haben, und nur wenige echte Männer. Deswegen ist es für jemanden, der auch nur eine geringe Anstrengung unternimmt, ein Leichtes, die Oberhand zu gewinnen. Das es nur wenige Männer gibt, die in der Lage sind, bei einer Hinrichtung einen Kopf sauber abzuschlagen, ist ein weiterer Beweis dafür, dass der Mut der Männer gesunken ist. Wenn man über Kaishaku spricht, befinden wir uns in einem Zeitalter, in dem Männer kluge und listige Ausreden erfinden. vor 40 oder 50 Jahren, als Dinge wie Matanuki als männlich galten, war es einem Mann noch so peinlich, seinen Kameraden einen unvernarbten Oberschenkel zu zeigen, dass er ihn lieber eigenständig durchbohrte.
Männerarbeit ist stets ein blutiges Handwerk. Diese Tatsache wird heute als närrisch betrachtet. Auseinandersetzungen werden schlau nur mit Worten beigelegt und Arbeiten, die mühseelig sind, werden gemieden. Ich wünsche mir, dass junge Männer das wahrnehmen.
Kaishaku - ein Mann, dessen Aufgabe es ist, einem zu Tode Verurteilten, der Seppuku (Selbstmord durch Schwert) begeht, den Kopf abzuschlagen.
Matanuki - eine Mutprobe aus vergangenen Zeiten, bei der man sich ein Schwert oder einen anderen scharfen Gegenstand in den Oberschenkel rammte
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Fürst sagte: "Inmitten eines einzelnen Atemzuges, in dem Perversität nicht festgehalten werden kann, liegt der Weg." Wenn das so ist, dann ist der Weg einzig. Aber es gibt niemanden, der diese Klarheit auf Anhieb versteht. Reinheit ist etwas, das man nur dadurch gewinnt, dass man Anstrengung auf Anstrengung häuft.
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Es gibt nichts, für das wir dankbar sein sollten, wie die letzte Zeile eines berühmten Gedichtes, die lautet:" Frage mit deinem Herzen". Seine Bedeutung entspricht in etwas dem Nembutsu und war früher vielen Menschen geläufig.
In jüngster Zeit schmücken sich Leute, die als "klug" bezeichnet werden, mit oberflächlicher Weisheit und betrügen die anderen damit nur. Daher sind sie weniger wert als das einfache Volk. Ein einfacher Mensch ist direkt. Wenn man ihm, wie in der Gedichtzeile, tief ins Herz blickt, wird dort nichts versteckt sein. Diese Zeile ist ein wertvoller Ratgeber. Jeder sollte sich darum bemühen, dass er sich vor dieser Zeile nicht schämen muss.
Das Gedicht ist aus dem Gosen waka shu: "Anderen zu sagen/Es sei nur ein Gerücht/Ist nicht genug./Frage mit deinem Herzen./Was wird es dir antworten?"
Nembutsu - Das Gebet: " Namu Amida Butsu" ("Heil dir, Buddha Amida")
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Das Wort Gen bedeutet so viel wie "Illusion" oder "Erscheinung". In Indien nennt man einen Mann, der über magische Kräfte verfügt, Genjutsushi ["Meister der Illusionstechnik"]. Alles in der Welt ist nur ein Puppenspiel. Daher benutzen wir das Wort Gen.
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Ungerechtigkeit zu hassen und auf der Seite des Rechts zu stehen ist eine schwierige Sache. Darüber hinaus werden die Vorstellung, dass gerecht zu sein das Beste ist, was man tun kann, und der Wille, alles zu tun, um gerecht zu sein, genau das Gegenteil bewirken und viele Fehler mit sich bringen. Der Weg steht über der Gerechtigkeit.
Das herauszufinden ist schwer, aber es ist die höchste Weisheit. Von dieser Warte aus betrachtet, sind Dinge wie Gerechtigkeit ziemlich belanglos.
Wer das nicht von selbst versteht, dem kann nicht geholfen werden. Es gibt allerdings eine Methode, um den Weg zu finden, auch wenn man nicht in der Lage ist, es selbst zu tun.
Man muss andere fragen. Sogar ein Mensch, der den Weg nicht gefunden hat, sieht andere dann von der Seite.
Es ist wie der Spruch bei dem Spiel Go: "Derjenige, der von der Seite sieht, hat acht Augen." Das Sprichwort "Mit jedem neuen Gedanken sehen wir unsere eigenen Fehler besser" bedeutet ebenfalls, dass man den Weg durch Diskussionen mit anderen findet. Sich die alten Überlieferungen anzuhören und Bücher zu lesen, das dient dazu, die eigene Sichtweise abzustreifen und sich mit den Ansichten der Ahnen vertraut zu machen.
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Ein gewisser Mann verbrachte viele Jahre in Osaka und kehrte dann zurück. Als er beim Meldebüro erschien, waren alle empört und er wurde zum Gespött, weil er im Kamigata-Dialekt sprach. Betrachtet in diesem Licht, sollte man, wenn man längere Zeit in Edo oder der Gegend um Kamigata verbringt, seinen heimischen Dialekt lieber noch stärker als sonst benutzen.

Es ist natürlich [wenn man in kultivierteren Gebieten ist], dass man von verschiedenen Stilen beeinflusst wird. Aber es ist geschmacklos und dumm, auf den eigenen Herkunftsort als bäuerisch herabzublicken oder sich sogar den Sitten des neuen Ortes zu öffnen und mit dem Gedanken zu spielen, seine eigenen Sitten aufzugeben. Dass dein eigener Distrikt weniger kultiviert und ungeschliffen ist, ist ein großer Schatz. Einen anderen Stil zu imitieren ist reine Angeberei.

Ein gewisser Mann sagte zu Mönch Shungaku: "Der Ruf der Lotus-Sutra-Sekte ist schlecht, denn sie ist furchteinflößend."

Shungaku erwiderte: "Wegen ihres furchteinflößenden Rufes ist sie die Lotus-Sutra-Sekte. Hätte sie einen anderen Ruf, wäre sie eine ganz andere Sekte." Das ist vernünftig.
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Als in einem Komitee darüber entschieden wurde, ob ein gewisser Mann befördert werden sollte, waren die Mitglieder des Ausschusses dafür, die Beförderung abzulehnen, weil der Mann einmal in eine Kneipenschlägerei verwickelt gewesen war. Aber jemand sagte: "Wenn wir jeden Mann übergehen würden, der einmal einen Fehler gemacht hat, dann würden wir wohl gar keinen geeigneten Mann finden. Ein Mann, der einmal einen Fehler begangen hat, ist bedeutend vorsichtiger und nützlicher, weil er sich für seinen Fehler schämt. Ich denke, wir sollten ihn befördern."

Daraufhin fragte ihn jemand: "Legen sie für ihn die Hand ins Feuer?" Der Mann antwortete: "Natürlich." Die anderen fragten:" Aber wie können Sie für ihn die Hand ins Feuer legen?"

Und er erwiderte: "Ich kann es, weil er ein Mann ist, der sich einmal geirrt hat. Ein Mann, der sich noch nie geirrt hat, ist gefährlich." Daraufhin wurde der Mann befördert.
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Als einmal über die Verurteilung von Verbrechern beraten wurde, empfahl Nakano Kazuma, die Bestrafung um einen Grad leichter ausfallen zu lassen, als es angemessen gewesen wäre. Das war ein Schatz an Weisheit, den nur er besaß. Obwohl viele Männer anwesend waren, hätte zu diesem Zeitpunkt niemand den Mund aufgemacht, wäre nicht Kazuma gewesen. Aus diesem Grund nennt man ihn den "Zeremonienmeister" und "Meister der 25 Tage".
Ein gewisser Mann brachte Schande über sich, indem er nicht Rache nahm. der Weg der Rache liegt einfach darin, sich mit Gewalt Zutritt zu einem Ort zu verschaffen und erschlagen zu werden. Das ist keine Schande. Wenn du darüber nachdenkst, wie du Rache nimmst, verlierst du wertvolle Zeit. Während du überlegst, wie viele Männer dein Feind hat, vergeht die Zeit; am Ende gibst du auf.
Auch wenn der Feind tausende von Männern hat, nimm trotzdem Rache. Halte sie dir vom Leibe und sei entschlossen, alle zu erschlagen, angefangen beim ersten Mann, dann wirst du die meisten erschlagen.
Was den Überfall von Fürst Asonos Ronin angeht: Es war falsch, dass sie nicht gleich Seppuku begingen. Es verging zu viel Zeit, bis sie ihren Herrn rächten. Wäre Furst Kira währenddessen an einer Krankheit gestorben, hätten sie Schande über sich gebracht. Die Männer aus Kamigata sind klug und vollbringen bewunderungsfähige Taten, aber sie sind nicht in der Lage, spotan zu handeln, wie es beim Kampf in Nagasaki geschah.
Dieses Urteil erscheint vielleicht hart, aber ich erwähne dieses Beispiel, um den Weg des Kriegers zu erklären. wenn der Moment der Wahrheit gekommen ist, hast du keine Zeit zum Überlegen. Wenn du nicht vorher mit dir ins Reine gekommen bist, dann ist die Gefahr sehr groß, dass du dich mit Schande bedeckst. Du liest Bücher und lauschst den Gesprächen anderer Leute, um mit dir selbst ins Reine zu kommen.
Vor allem sollte der Weg des Kriegers darin bestehen, dass du dir bewusst machst, dass du nicht weißt, was als Nächstes passieren wird. Sieg und Niederlage sind von den Kräften des Schicksals abhängig. Der Weg, um Schande von sich abzuwenden, ist es nicht. Er besteht einfach im Sterben.
Selbst wenn es sicher scheint, dass du verlierst, übe Vergeltung. Weisheit und Technik haben da keinen Platz. Ein wirklicher Mann denkt nicht an Sieg oder Niederlage. Er stürzt sich unbekümmert in einen irrationalen Tod. Wenn du das tust, wirst du aus deinen Träumen erwachen.
Die Bezeichung "Zeremonienmeister" bezieht sich auf das Aufbrechen des versiegelten Sakefässchens (Sake =Reiswein). Der Spitzname "Meister der 25 Tage" hängt mit dem Brauch zusammen, dass ein Behälter, der Sojasauce, eingelegtes Gemüse und Miso (vergorene Bohnenpaste) enthält, nach 25 Tagen aufgebrochen wird.
Der Vorfall, an dem Fürst Asanos Gefolgsmänner beteiligt waren (dramatisiert im Kabuki-Stück Chushingura), gilt als Beispiel für wahre Loyalität. Tsunetomo ist anderer Meinung. Er meint, die berühmten 47 Krieger hätten sofort Rache nehmen sollen, anstatt ein ganzes Jahr zu warten, um sicherzugehen, dass sie bei der Ermordung Kiras Erfolg haben würden. Der andere Kampf entstand dadurch, dass ein Mann ein Mitglied eines anderen Klans versehentlich beschmutzte. Tsunetomo findet, da sie sich sofort rächten, ohne über die Gründe oder die Konsequenzen ihrer Tat nachzudenken.
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Es gibt zwei Dinge, die einem Gefolgsmann schaden können, und das sind Reichtum und Ehre. Wer dagegen immer unter schwierigen Bedingungen lebt, bleibt tugendhaft.

Es gab einen Mann, der war sehr gescheit. Aber er neigte dazu, in allem nur das Negative zu sehen. Wer so denkt, ist nutzlos. Wer nicht früh begreift, dass diese Welt voller Schlechtigkeit ist, der wird vermutlich ein Kümmerling und niemand wird ihm vertrauen. Wem aber niemand vertraut, der ist im Grunde schlecht.
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Ein Mann sagte einmal: "Soundso ist gewalttätig, aber ich habe es ihm direkt ins Gesicht gesagt..." Das war unpassend und er hat es nur getan, um als harter Bursche zu gelten. Man kann daran erkennen, dass er noch ziemlich unreif war. Ein Krieger wird nicht zuletzt wegen seines tadellosen Benehmens bewundert. Ein solches Benehmen ist nicht besser als ein Streit zwischen einfachen Fußsoldaten. Es ist geschmacklos.
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Dies sind die von Yamamoto Jin´emon überlieferten Aussprüche: Wenn du eine Angelegenheiten verstehst, dann verstehst du acht.
-Ein künstliches Lachen ist ein Zeichen für mangelnde Selbstachtung
-Egal mit wem du sprichst, sieh deinem Gegenüber in die Augen. Grüße höflich und senke niemals die Augen.
-Es ist nachlässig, mit den Händen in den Schlitzen der Hakama herumzugehen.
-Wenn man ein Buch gelesen hat, ist es am besten, es zu verbrennen oder wegzuwerfen. Es heißt zwar, die Aufgabe des Kaiserhofes bestehe im Lesen von Büchern, aber die Aufgabe des Hauses Nakano besteht darin, mit dem Schwert in der Hand zu kämpfen und zu sterben.
-Ein Krieger ohne Truppe und Pferd ist kein Krieger.
-Auf einen Kusemono ist verlass.
-Es heißt, man sollte um vier Uhr morgens aufstehen, jeden Tag baden und seine Haare frisieren, essen, wenn die Sonne aufgeht, und sich zur Ruhe legen, wenn es dunkel wird.
-Ein Krieger benutzt einen Zahnstocher, auch wenn er nicht gegessen hat. Nach innen die Haut eines Hundes, nach außen das Fell eines Tigers.

Hakama: Hose mit weiten, mit Schlitzen versehenen Beinen
Kusemono: im modernen Japanisch ein "Haudrauf", aber Tsunetomo benutzte dieses Wort häufig im Sinne von "wahrer Gefolgsmann" und "echter Mann"
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Es ist nicht ratsam, sich ein Bild von der Welt zu machen und dann daran festzuhalten. Wer sich erst darum bemüht, mehr Einsichten zu gewinnen, und dann damit aufhört, begeht einen Fehler. Tue zuerst alles, um sicherzugehen, dass du die Grundprinzipien verstanden hast. Und dann benutze sie, damit sie Früchte tragen. Das ist ein Prozess, der das ganze Leben hindurch weitergeht. Verlasse dich nicht auf das Maß an Einsicht, das du erreicht hast, sondern denke stets: "Das reicht noch nicht."

Man sollte sein ganzes Leben lang danach streben, dem Weg so gut wie möglich zu folgen. Und man sollte sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren. Darin liegt der Weg.
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Laut Meiser Ittei kann auch ein unbegabter Schreiber ein bedeutender Kalligraph werden, wenn er ein gutes Vorbild hat und fleißig ist. Auch ein Gefolgsmann sollte in der Lage sein, unentbehrlich zu werden, wenn er einen guten Gefolgsmann als Vorbild nimmt.

Heutzutage gibt es allerdings keine guten Gefolgsleute, die als Vorbild taugen würden. Deswegen wäre es gut, ein Vorbild zu "erschaffen" und von ihm zu lernen. Um das zu tun, sollte man sich viele Menschen ansehen und von jedem die beste Eigenschaft auswählen. Zum Beispiel von einem Menschen die Höflichkeit, von einem anderen die Tapferkeit, von einem dritten die gute Ausdrucksweise, von einem viertem das korrekte Benehmen und von einem fünften die Beharrlichkeit. So wird das Vorbild erschaffen.

Auch in der Kunst kommt der Lehrling nicht an seinen Lehrer heran, sondern imitiert nur seine Schwächen. Das ist wertlos. Es ist gibt Leute, die haben gute Manieren, aber es mangelt ihnen an Aufrichtigkeit. Wenn man so jemanden nachahmt, dann ist es wahrscheinlich, dass man seine Höflichkeit beiseite lässt und nur seinen Mangel an Aufrichtigkeit nachahmt. Wenn du in der Lage bist, die Stärken jedes Menschen zu sehen, dann hast du ein Vorbild auf jedem Gebiet.
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Wenn du einen wichtigen Brief oder ein anderes Schriftstück zu überbringen hast, dann nimm es fest in die Hand, geh los und lasse es nicht ein Mal los, bevor du es dem Empfänger nicht persönlich übergeben hast.
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Ein Gefolgsmann ist ein Mann, der 24 Stunden am Tag nie unaufmerksam ist, ob er nun bei seinem Meister ist oder in der Öffentlichkeit. Wenn du außerhalb des Dienstes nachlässig bist, dann wird die Öffentlichkeit dich nur als nachlässig wahrnehmen.
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Es gibt viele Männer, die glauben, weil sie mit der Kampfkunst zu tun haben und Schüler haben, seien sie richtige Krieger. Aber es ist bedauernswert, sich sehr zu bemühen und am Ende ein "Künstler" zu werden. Was künstlerische Fertigkeiten betrifft, reicht es aus, so lange zu lernen, bis keine Mängel mehr auftreten. Im Allgemeinen wird ein Mensch, der sich viele Dingen widmet, als vulgär betrachtet und als jemand, der nur ein allgemeines Wissen über die wichtigen Dinge hat.
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Wenn dein Meister etwas zu dir sagt, egal ob es zu deinen Gunsten oder Ungunsten ist, zeugt es von Ratlosigkeit, wenn du dich schweigend zurückziehst. Du solltest eine passende Antwort parat haben. Es ist wichtig, sich rechtzeitig vorzubereiten.

Wenn dir etwas befohlen wird, was dich froh oder stolz macht, dann wird sich dieses Gefühl in deinem Gesicht spiegeln. Das ist bei vielen Menschen beobachten worden und ist sehr unvorteilhaft. Aber eine andere Art von Mensch kennt die eigenen Fehler und denkt:" Ich bin unwürdig, aber mir ist nunmal das und das befohlen worden. Wie werde ich nun diese Aufgabe lösen?" Ich sehe, dass ich dabei viele Probleme und Sorgen haben werde." Auch wenn diese Worte niemals ausgesprochen werden, so zeigen sie sich doch an der Oberfläche. Sie zeugen von Demut.

Durch Unbeständigkeit und Frivolität weichen wir vom Weg ab und zeigen uns selbst als Anfänger. Damit richten wir viel Schaden an.
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Lernen ist gut, aber häufig führt es zu Fehlern. Es ist wie in der Warnung von Mönch Konan. es lohnt sich nur, sich die Taten von verdienstvollen Männern anzusehen, um seine eigenen Mängel zu erkennen. Aber das passiert meistens nicht. Meistens bewundern wir unsere eigenen Meinungen und bekommen Spaß zu debattieren.

Letztes Jahr gab es auf einer großen Konferenz einen Mann, der eine abweichende Meinung hatte und kundtat, entschlossen, den Leiter der Konferenz zu töten, wenn seine Meinung nicht anerkannt würde. Er wurde übergangen. Nachdem die Konferenz zu Ende war, sagte der Mann: "Sie waren sich einig. Ich denke, sie sind zu weich und unzuverlässig, um Ratgeber des Meisters zu sein."
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Wenn es an einer offiziellen Stelle sehr geschäftig zugeht und jemand kommt arglos mit der einen oder anderen Angelegenheiten herein, dann wird er häufig kühl behandelt werden und sich den Ärger der Angestellten zuziehen. Das ist sehr schlecht. Wenn so etwas geschieht, ist es die Aufgabe eines Kriegers sich zur Ruhe zu zwingen und mit diesem Mann freundlich umzugehen. Jemand unfreundlich zu behandeln ist das Verhalten von zweitklassigen Lakaien.
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Ein Meister der Lanze rief kurz vor seinem Tod seinen besten Schüler zu sich. Seine letzten Anweisungen lauteten:

"Ich habe alle meine Geheimtechniken an dich weitergegeben und es bleibt nichts mehr zu sagen. Aber wenn du daran denken solltest, selbst einen Schüler auszubilden, dann solltest du weiterhin jeden Tag fleißig mit dem Bambusschwert trainieren. Überlegenheit beruht nicht auf Geheimtechniken."

In den Anweisungen eines bestimmten Renga-Meisters heißt es außerdem, dass man sich am Tag vor einem Dichterwettbewerb vorbereiten sollte, indem man sich eine Reihe von Gedichten ansieht. das ist wahre Konzentration. Jeder Beruf sollte konzentriert ausgeübt werden.

Renga = Kettenverse

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Es gibt eine Methode, nach der man das Kind eines Kriegers erzieht. Von Kindesbeinen an sollte man seinen Mut fördern und vermeiden, das Kind unnötig zu ängstigen oder zu necken. Wenn ein Kind als feige gilt, bleibt das eine lebenslange Wunde. Es ist ein Fehler, wenn Eltern ihren Kindern gedankenlos Angst vor Blitzen oder der Dunkelheit machen. Sie sollten ihnen auch keine Schauermärchen erzählen, um sie zu disziplinieren. Außerdem wird ein Kind, mit dem man zu viel schimpft, ängstlich.

Man darf nicht zulassen, dass sich schlechte Angewohnheiten entwickeln. Ist eine schlechte Angewohnheit bereits zur Regel geworden, dann helfen auch keine Drohungen mehr. Was Höflichkeit und gute Manieren angeht, sollte man das Kind nach und nach damit vertraut machen. Geiz sollte es nicht kennen lernen. Wenn man das beachtet, wird sich ein Kind gut entwickeln.

Abgesehen davon wird ein Kind, dessen Eltern eine schlechte Beziehung zueinander haben, seine Eltern ablehnen. Das ist natürlich. Sogar Tiere reagieren darauf, wie sich ihre Umwelt verhält. Darüber hinaus kann das Vater-Sohn-Verhältnis durch das Verhalten der Mutter getrübt werden. Eine Mutter liebt ihr Kind über alles und wird auf der Seite des Kindes sein, wenn der Vater es tadelt. Wenn sie zum Verbündeten des Kindes wird, ist ein Streit zwischen Vater und Sohn unvermeidlich.
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Das Sprichwort "Wer eine Kunst übt, übt seinen Körper" gilt nur für Krieger aus anderen Regionen. Für die Krieger des Nabeshima-Klans gilt das Gegenteil. Ein Mensch, der eine Kunst ausübt, ist ein Künstler und kein Krieger. Du solltest den Wunsch haben, als Krieger zu gelten.

Es ist paradox, aber wenn du fest davon überzeugt bist, dass auch nur die geringsten künstlerischen Fähigkeiten dir schaden, werden dir alle Künste von Nutzen sein.
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Es heißt, wenn du einen Fehler gemacht hast, korrigiere ihn gleich. Wenn du einen Fehler ohne zu zögern korrigierst, ist er schnell verziehen. Aber wenn du versuchst, ihn zu verbergen, wird er dir immer peinlicher und unangenehmer.
Wenn du im Zorn etwas sagst, was du bereust, und dich sofort dafür entschuldigst, dann wird das keine Folgen haben und du brauchst dir keine Sorgen zu machen. wenn jemand trotzdem deswegen angreift, dann solltest du erwidern: "Ich habe mich entschuldigt. Wenn sie meine Entschuldigung nicht akzeptieren, bin ich machtlos Da es mir Leid tut, sollten sie die Großmut besitzen, meinen Fehler zu vergessen."
Außerdem solltest du nie über Abwesende sprechen oder Geheimnisse preisgeben. Achte darüber hinaus beim Sprechen stets die Gefühle deines Gegenübers.
Die beste Weise, eine Kalligraphie anzufertigen, besteht schlicht darin , gründlich zu sein. Aber wenn du dich auf Gründlichkeit beschränkst, wird die Kalligraphie plump und steif wirken. du solltest darüber hinausgehen und von der Norm abweichen. Dieses Prinzip lässt sich auf alles übertragen.
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Du solltest einen Menschen nicht danach beurteilen, wie sein Leben verlaufen ist. Glück und Unglück liegen in der Hand des Schicksals. Gutes oder Böses zu tun ist die Bestimmung des Menschen. die Unterscheidung zwischen Gut und Böse dient nur als moralische Stütze.
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Morooka Hikoemon wurde wegen einer geschäftlichen Angelegenheit aufgefordert, vor den Göttern zu schwören, dass er die Wahrheit sagt. Er antwortete: "Ihr habt das Wort eines Kriegers! Warum sollte ich vor den Göttern und Buddhas schwören?" Daraufhin wurde ihm der Schwur erlassen. Hikoemon war damals erst 26 Jahre alt.
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Meister Ittei sagte: "Wofür du auch immer betest, es wird sich erfüllen. Vor langer Zeit gab es in unserer Provinz die Matsutake-Pilze noch nicht. Einige Männer, die sie in Kamigata gesehen hatten, beteten, dass sie auch hier wachsen mögen, und heute wachsen sie in ganz Kitayama! Mein Wunsch ist, dass in Zukunft Zypressen in unserer Provinz wachsen. Da viele sich das wünschen, müssen wir bloß dafür beten."
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Wenn etwas Unerklärliches geschieht, ist es lächerlich, zu behaupten, es sei der Vorbote einer Katastrophe. Sonnen- oder Mondfinsternis, Kometen, seltsame Wolkenformationen, Schnee im fünften Monat, Blitze im zwölften Monat usw., all das sind Dinge, die sich alle 50 oder 100 Jahre ereignen. Sie geschehen im Einklang mit Yin und Yang. Der Umstand, dass die Sonne im Osten aufgeht und im Westen unter, würde ebenfalls als böses Omen gelten, wenn es nicht jeden Tag geschehen würde. Abgesehen davon ist die Beobachtung, dass immer ein Unglück geschieht, wenn sich zuvor etwas Merkwürdiges ereignet hat, darauf zurückzuführen, dass die Leute so etwas wie eine Mondfinsternis sehen, Angst bekommen und dann glauben, bald müsse sich ein Unglück ereignen. Durch ihren Aberglauben tritt das Unglück überhaupt erst ein.

Ein Omen entsteht immer durch Angst und Tuschelei von Menschen.
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Berechnende Menschen sind verachtenswert. Der Grund ist, dass Berechnung etwas mit gewinnen und verlieren zu tun hat. Wer sich mit Gewinn oder Verlust beschäftigt, der wird danach süchtig. Der Tod wird als Verlust betrachtet und das Leben als Gewinn. Daher ist der Tod etwas, um das sich ein solcher Mensch keine Gedanken macht. Das ist verachtenswert.

Gelehrte sind im Übrigen Männer, die mit Witz und Beredsamkeit ihre Feigheit und ihre Gier verbergen. Die Menschen schätzen das häufig falsch ein.
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Der Ausspruch von Shida Kichinosuke "Wenn du dich zwischen Leben und Tod entscheiden musst, entscheide dich, solange dein Ruf dabei nicht leidet, für das Leben" ist ein Widerspruch in sich. Er sagt auch: "Wenn du die Wahl hast, zu gehen oder nicht zu gehen, dann gehe nicht." Ähnlich sinnvoll wäre es zu sagen: "Wenn du die Wahl hast, zu essen oder nicht zu essen, dann iss nicht. Wenn du die Wahl hast, zu sterben oder nicht zu sterben, dann stirb nicht."
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Ein Krieger sollte in allem sorgfältig sein und tiefe Abneigung gegen Nachlässigkeit hegen. Besonders bei der Wahl seiner Worte sollte er achtsam sein, sonst könnte er Dinge sagen wie: "Ich bin ein Feigling" oder " Ich wäre bestimmt davongelaufen" oder " Wie entsetzlich!". Derartige Worte darf man nicht einmal im Scherz sagen. Wenn ein anderer das hört, kann er dir direkt ins Herz schauen.
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Nachdem ich beschlossen hatte, ein Gefolgsmann zu werden, achtete ich sehr auf meine Haltung, egal ob zu Hause oder anderswo. Außerdem sprach ich so wenig wie möglich, und wenn es unvermeindlich war, drückte ich mich so knapp aus, wie es nur ging. Mein Vorbild ist Yamazaki Kurando.
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Es heißt, dass jemand, dem der Kopf abgeschlagen wurde, immer noch in der Lage ist, eine Handlung auszuführen. Dass dies möglich ist, wissen wir durch die Taten von Nitta Yoshisada und Ono Doken. Wenn einer das kann, warum dann nicht auch andere? Mitani Jokyu sagte: "Selbst wenn ein Mann im Sterben liegt, kann er seinen Tod noch um zwei oder drei Tage verzögern."
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Unsere Ahnen sagten: " Triff eine Entscheidung innerhalb von sieben Atemzügen." Fürst Takanobu fasste das in die Worte: "Wer lange nachdenkt, verpasst seine Chance." Und Fürst Naoshige meinte hierzu: "Wer sich zu viel Zeit lässt, wird seine Arbeit nicht vollenden. Ein Krieger ist jemand, der schnell handelt."

Wer von seinen Gefühlen hin- und hergerissen wird, trifft nie eine Entscheidung. Wenn du einen kühlen Kopf bewahrst, triffst du deine Entscheidungen schnell.
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Wenn du einen Meister auf einen Irrtum hinweisen willst, dir das aber vom Rang her nicht zusteht, dann beweist du deine Loyalität, indem du einen Ranghöheren für dich sprechen lässt. Um dazu in der Lage zu sein, musst du zu allen Gefolgsleuten freundschaftliche Beziehungen pflegen. Das solltest du aber nicht aus Eitelkeit tun. Dein Ziel sollte das Wohlergehen des Klans sein.
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Ein gespanntes Verhältnis zwischen ehemaligen und gegenwärtigen Herrschern, zwischen Vater und Sohn, zwischen älteren und jüngeren Brüdern hat nur einen Grund: Selbstsucht! Ein Beweis ist, dass solche Spannungen zwischen Herrn und Gefolgsmann nicht vorkommen.
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Wenn dein Herr dich entlässt und dich so zum herrenlosen Ronin macht, solltest du ihm nicht grollen, sondern dankbar dafür sein. Zur Zeit von Fürst Katsushige pflegten die Leute zu sagen: "Erst wer siebenmal ein Ronin war, ist ein wahrer Gefolgsmann".
Narutomi Hyogo gehört zu den Männern, die siebenmal Ronin waren. Der Meister kann dich aber auch entlassen, um dich auf die Probe zu stellen.
Ronin: Ein Krieger, der aus dem Dienst entlassen wurde oder seinen Meister verloren hatte.
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Als ich geboren wurde, war mein Vater bereits 71 Jahre alt, und so war ich ein schwächliches Kind. Aber weil ich fest entschlossen war, selbst noch im hohen Alter von Nutzen zu sein, konnte ich meine Gesundheit verbessern und bin seither nie mehr krank gewesen. Außerdem war ich sexuell enthaltsam und habe regelmäßig das heilsame Moxa angewendet.
Es heißt, auch wenn man eine Mamushi siebenmal verbrennt, wird sie jedes Mal wieder ihre alte Form annehmen. Das lässt mich hoffen. Es ist von jeher mein sehnlichster Wunsch gewesen, siebenmal wiedergeboren zu werden, um meinem Klan siebenmal dienen zu können.
Tsunemoto starb im Alter von 61 Jahren - offentsichtlich eines natürlichen Todes
Mamushi - eine Giftschlange (Agkistrodon blomoffii)
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Für einen Krieger wiegt jedes Wort schwer. Ob Krieg herrscht oder Frieden, ein einziges Wort kann darüber entscheiden, ob du als mutig gilst oder als feige. Worte sind die Blumen des Herzens. Du solltest sie sparsam verwenden.
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Bis zum Alter von 40 Jahren nutze deine Kräfte und schone dich nicht. Mit 50 solltest du dich niedergelassen und eine Familie gegründet haben.
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Wenn du dich mit jemanden unterhälst, dann ist es am besten, dich auf das Gesprächsthema zu konzentrieren. Egal wie klug deine Beiträge sind, wenn sie vom Thema ablenken, werden sie das Gespräch hemmen.
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Ein Krieger sollte niemals durch Worte Schwäche zeigen. Auch Kleinigkeiten können verraten, sie es in dir aussieht.
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Wenn jemand dir die Meinung sagt, solltest du ihm dafür dankbar sein, auch wenn es dir nicht weiterhilft. Reagierst du gereizt, wird er dir nie mehr sagen, welche Fehler ihm an dir aufgefallen sind. Achte darauf , Kritik freundlich zu üben und freundlich entgegenzunehmen.
Es gibt das Sprichwort, dass große Genies langsam reifen. Wenn etwas über den Zeitraum von 20 bis 30 Jahren nicht zur Blüte gelangt, dann ist es nicht viel wert. Ein Gefolgsmann, der schnell zu Ruhm gelangen will, wird die anderen zur Eile antreiben. Man wird von ihm sagen, er sei jung, aber talentiert. Das wird ihm zu Kopf steigen, er wird sich vorkommen wie jemand, der Großes geleistet hat, er wird ein Schmeichler und Betrüger werden und man wird hinter seinem Rücken über ihn sprechen.
Wenn jemand sich jedoch nicht bemüht, aus sich selbst etwas zu machen, und keine Unterstützung von seiner Umwelt bekommt, wird er nicht von Nutzen sein.
Dieses Sprichwort ist dem 41. Kapitel des Lao tsu entnommen, einem Buch der Taoisten, das im sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt verfasst wurde.
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Einem Krieger kann es gelegentlich passieren, dass er als Kaishaku fungieren oder Männer aus seinem eigenen Klan oder seiner Gruppe festnehmen muss. Wenn dir das passiert, werden die Leute erkennen, wie es um dein Selbstvertrauen bestellt ist. Du solltest immer bestrebt sein, alle anderen an Mut zu übertreffen. Denke niemals, ein anderer sei dir überlegen, und fördere immerzu deinen Mut.
Kaishaku - ein Mann, dessen Aufgabe es ist, einem zum Tode Verurteilten, der Sepukku begeht, den Kopf abzuschlagen
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Dich mit deinen Kameraden zu überwerfen, selbst bei seltenen Treffen abwesend zu sein oder nur in mürrischenm Ton zu sprechen - all das sind Zeichen von Dummheit. In Hinsicht auf den Moment der Wahrheit solltest du - selbst wenn es dir unangenehm ist - darum bemüht sein, allen Menschen freundlich zu begegnen und ihnen aufmerksam zuzuhören. In dieser Welt voller Unsicherheit zählt nur die Gegenwart. Es wäre sinnlos zu sterben, wenn niemand etwas von dir hält. Lügen und Unaufrichtigkeit schaden dir. Das liegt daran, dass sie dem Eigennutz dienen.

Es bringt dir zwar keinen Profit, anderen die Führung zu überlassen, Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen, dich höflich zu benehmen und demütig zu sein. Aber wenn du Dinge zum Wohl anderer tust und auch die Menschen, denen du schon oft begegnet bist, behandelst, als würdest du sie zum ersten Mal kennen lernen, dann wirst du keine schlechten Erfahrungen machen. Für Ehemänner und Ehefrauen gilt hier das Gleiche. Wenn du dir am Ende genauso viel Mühe gibst wie am Anfang, dann sollte es keine Missstimmungen geben.

Von einem bestimmten Priester wird behauptet, er könne mittels seiner Klugheit alles erreichen. Kein anderer Priester könne sich mit ihm messen.

Offensichtlich gibt es niemanden, der die Dinge so zu beurteilen vermag, wie es wirklich sind.
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Für einen Krieger ist es ehrenvoller, für seinen Herrn zu sterben, als den Feind zu erschlagen. Sato Tsugunobus Treue ist hierfür ein leuchtendes Beispiel.
Sato Tsugunobu: ein Krieger, der tödlich verwundet wurde, als er Pfeile abwehrte, die seinem Herrn Yoshitsune galten
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Als ich jung war, führte ich ein "Tagesbuch der Reue" und versuchte, alle meine Fehler Tag für Tag aufzuschreiben. Aber es gab keinen Tag, an dem ich nicht 20 bis 30 Einträge hatte. Da das kein Ende nahm, gab ich auf. Sogar noch heute, wenn ich am Abend den Tag an mir vorbeiziehen lasse, gibt es keinen Tag, an dem mir nicht ein Schnitzer unterläuft. Leben, ohne Fehler zu machen, ist schlichtweg unmöglich. Aber das ist etwas, woran Leute, die sich auf ihre Intelligenz verlassen, keinen Gedanken verschwenden.
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Mein Vater sagte: "Wenn man etwas vorliest, ist es am besten, aus dem Bauch heraus zu lesen. Wenn man mit dem Mund liest, wird die Stimme bald versagen."
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Es ist gefährlich, in guten Jahren stolz und leichtsinnig zu werden. Nur wer vorsichtig bleibt, wird auch in unruhigen Zeiten überleben. Ein Mensch, der in guten Zeiten Karriere macht, wird für schlechte Zeiten nicht gerüstet sein.
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Meister Ittei sagte: "In der Kalligraphie bedeutet es einen Fortschritt, wenn Papier, Pinsel und Tinte sich im Einklang befinden." Dabei scheint das so gut wie unmöglich zu sein!
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Der Meister nahm ein Buch aus seiner Hülle. Als er es öffnete, entströmte dem Buch der Duft von trocknenden Kleeblätter.
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Was man gemeinhin Großzügigkeit nennt, ist in Wirklichkeit Mitgefühl. Im Shin´ei steht geschrieben: "In den Augen eines Mitfühlenden gibt es niemanden, der keine Gnade findet. Jemand, der gesündigt hat, ist sogar noch mehr zu bedauern." Das Herz ist unermesslich groß. In ihm ist Platz für alle. Dass wir noch immer die Weisen der drei alten Reiche verehren, liegt daran, dass wir ihr Mitgefühl noch heute spüren.
Was auch immer du tust, es sollte zum Wohle deines Meisters und deiner Eltern geschehen, zum Wohle aller Menschen und zum Wohle der Nachwelt. Die Weisheit und der Mut, die aus Mitgefühl erwachsen, sind echte Weisheit und echter Mut. Wer mit Mitgefühl straft oder aus Mitgefühl handelt, der ist stark und gerecht. Zum eigenen Wohl zu handeln ist oberflächlich, selbstsüchtig und wird bestraft. Ich habe schon vor einiger Zeit verstanden, was Weisheit und Mut bewirken. Aber erst jetzt beginne ich zu begreifen, was Mitgefühl bewirkt.
Fürst Ieyasu sagte: "Die Basis, um ein Land in Frieden zu regieren, ist Mitgefühl. denn wenn ich die Menschen als meine Kinder betrachte, dann werden sie mich als ihren Vater sehen." Ist es nicht so, dass die Begriffe "Gruppen-Vater" und "Gruppen-Kind" [d.h. Gruppenführer und Gruppenmitglied] entstanden sind, weil sie zueinander in einer harmonischen Vater-Kind-Beziehung stehen?
Fürst Naoshiges Ausspruch: "Ein Nörgler sollte von seinen Kameraden bestraft werden" entspringt seinem Mitgefühl. Das gilt auch für seinen Satz: "Prinzipien stehen über der Vernunft." Er empfahl uns voller Wärme, unser Mitgefühl zu verstärken.
Shin´ei: "Der Gesang der Götter", gefunden in einem Buch der späten Kamakur-Epoche (1249-1383) - mit dem Titel "Gukenshu"
Die drei alten Reiche waren, Indien, China und Japan. Die Weisen sind die Begründer des Buddhismus, Konfuzianismus und Daoismus
Beide Zitate entstammen den 21 Geboten, die bei Naoshige zu Hause an der Wand hingen. Das Letztere lautet vollständig: "Das Gesetz wird von den Untergebenen gemacht. Es gibt Prinzipien, die über der Vernunft stehen."
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Der Priester Tannen sagte: "Ein Gefolgsmann, der nur auf seine Schlauheit baut, wird es nicht weit bringen. Allerdings gibt es auch kein Beispiel für einen Dummkopf, der Karriere gemacht hat."
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Mein Vater vertrat folgende Ansicht:
Wer jung ist, kann durch homosexuelle Handlungen große Schande über sich bringen. Da niemand sonst die jungen Männer über diese Gefahren unterrichtet, werde ich es tun.
Sowohl Mann als auch Frau fühlen sich zu einem einzigen Partner hingezogen. Alles andere ist Prostitution. Von Ihara Saikaku stammt ein berühmter Satz: "Ein Jüngling ohne einen älteren Liebhaber ist wie eine Frau ohne Ehemann." So eine Beziehung ist allerdings nicht ungefährlich.
Ein junger Mann sollte einen älteren Mann mindestens fünf Jahre prüfen. Wenn er sich dann über seine Absichten im Klaren ist, sollte er trotzdem vorsichtig bleiben. Ein wankelmütiger Mensch wird sich auf eine Beziehung nicht vollständig einlassen und irgendwann den Geliebten wieder verlassen.
Erst wenn es beiden gelingt, sich ganz dem anderen zu öffnen, wird das Misstrauen überflüssig. Aber wenn dein Partner dich betrügt, solltest du die Beziehung entschlossen beenden. Falls er nach dem Grund fragt, solltest du ihm eine Antwort verweigern. Wenn er trotzdem weiter in dich dringt, solltest du ihn erschlagen.
Auch der ältere Mann sollte sich über die Motive des Jüngeren Klarheit verschaffen. er hat Gewissheit, wenn der junge Mann hingebungsvoll ist und fünf oder sechs Jahre lang treu bleibt.
Aber was du auch tust, du solltest immer dem Weg des Kriegers folgen.
Hoshino Ryotetsu war der erste bekennende Homosexuelle in unserer Provinz. Obwohl viele Menschen zu ihm kamen, um seinen Rat einzuholen, wies er keinen einzigen ab. Sein Gefolgsmann Edayoshi Saburozaemon verstand seinen Herrn am ehesten. Einmal, als er seinen Meister nach Edo begleitete, fragt Ryotetsu ihn: "Was weißt du über die Homosexualität?"
Saburozaemon erwiderte: "Sie ist süß und bitter zugleich." Ryotetsu war mit dieser Antwort zufrieden und sagte: "Du musst lange und viel gelitten haben, um so etwas sagen zu können."
Einige Jahre später fragte jemand Saburozeamon, was er damit gemeint habe. Er antwortete: "Dich einem anderen Mann mit Leib und Seele hinzugeben ist das Grundprinzip der Homosexualität. Tust du das nicht, wird sie zum Anlass von Schande. Aber wenn du es tust, hast du nichts mehr, was du deinem Meister geben kannst. Aus diesem Grund ist die Homosexualität süß und bitter zugleich."
Shikibu rät den Kriegern davon ab, ihr Leben zweigleisig zu führen. Sie sollen ganz ihren Herrn ergeben sein, unabhängig von ihrem Liebesleben.

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Bevor du 40 Jahre alt bist, sollten Vorsicht und Vernunft Fremdwörter für dich sein. Stürze dich ins Leben! Je nachdem, welchen Rang du bekleidest, ist auch noch mit über 40 deine Kraft gefragter als dein Verstand.
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Kürzlich berichtete jemand, der auf dem Weg nach Edo war, in einem ausführlichen Brief über das Gasthaus, in dem er die erste Nacht verbracht hatte. Wenn er im Dienst war, befasste sich dieser Mann nie mir solchen Dingen. Sein Brief machte deutlich, wie ungewöhnlich aufmerksam er seine Umwelt beobachtete.
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Wenn du einmal beschlossen hast, jemanden zu töten, dann solltest du nicht mehr zögern. Dein Mut könnte dich verlassen, du könntest deine Chance verpassen und würdest versagen. Der Weg des Kriegers verlangt schnelles Handeln. Am besten ist es, sich furchtlos in den Kampf zu stürzen.

Als ein Meister auf dem Weg zu den Sutra-Lesungen im Jissoin in Kawakami war, betrank sich einer seiner Gefolgsleute auf der Fähre und begann einen Seemann zu beschimpfen. Als sie anlegten, zog der Gefolgsmann sein Schwert. Daraufhin verpasste ihm der Seemann mit einem Stab einen Schlag auf den Kopf. Augenblicklich umringten alle Seeleute den Gefolgsmann und machten Anstalten, ihn mit ihren Ruderpinnen zu erschlagen. Der Meister tat jedoch, als ginge ihn das nichts an, und ging von Bord. Daraufhin lief ein anderer Gefolgsmann zurück und entschuldigte sich bei den Seeleuten. Danach beruhigte er seinen Kollegen und brachte ihn nach Hause. Am selben Abend erfuhr der Gefolgsmann, der betrunken gewesen war, dass man ihn entlassen hatte.

Versagt hat der Meister, der es versäumte, seinen betrunkenen Gefolgsmann zu Ordnung zu rufen, als sie noch auf dem Boot waren. Abgesehen davon bestand für den Gefolgsmann, nachdem er den Schlag auf den Kopf erhalten hatte, kein Grund mehr, sich zu entschuldigen. Der Meister hätte, um die Situation zu retten, sowohl seinen Gefolgsmann als auch den Seemann erschlagen müssen.
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Der Mut der Männer aus früheren Zeiten war groß. Im Alter zwischen 13 und 60 Jahren war für sie das Schlachtfeld ihr Zuhause. Aus diesem Grund versuchten ältere Männer, ihr Alter zu verbergen.
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Fürst Naoshige sagte: "Ob Eltern gut oder schlecht waren, lässt sich am Verhalten ihrer Kinder ablesen." Andererseits hat ein Kind die Pflicht, sich so zu benehmen, dass auf seine Eltern ein möglichst gutes Licht fällt.

Es ist schlimm, wenn eine Familie ein Kind nur aus Geldgründen weggibt. So etwas ist schlicht und ergreifend unmoralisch. Aber es ist der Gipfel an Unverschämtheit, wenn diese Handlungsweise damit gerechtfertigt wird, dass sonst die anderen Familienmitglieder verhungert wären.
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Als Nakano Shogen Seppuku begangen hatte, versammelten sich die Mitglieder seiner Gruppe in Oki Hyobus Haus und zogen über ihn her. Hyobu tadelte sie mit folgenden Worten: "Man sollte nach dem Tod eines Menschen nicht schlecht über ihn sprechen. Besonders, wenn dieser Mensch verurteilt wurde, verdient er unser Mitleid. Es ist unsere Pflicht als Krieger, sein Andenken hochzuhalten. Es besteht für mich kein Zweifel, dass Shogen in 20 Jahren als ein treuer Gefolgsmann gelten wird." Dies sind die Worte eines reifen Mannes.
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Rüstung und Waffen zur Schau zu stellen, ist schön und gut, aber es reicht völlig, wenn die Ausrüstung vollständig ist. Fukabori Inosukes Ausrüstung ist ein gutes Beispiel. Männer mit hohem Rang und mit vielen Gefolgsleuten brauchen außerdem Geld für ihre Feldzüge. Es heißt, Okabe Kunai habe vor einem Feldzug jedem seiner Männer einen mit Namensschild versehenen Geldbeutel ausgehändigt, der die persönlichen Ausgaben der Männer deckte. Das war sehr weise. Männer von niederem Rang, denen es an Geld für die passende Ausrüstung fehlt, sollten sich an ihren Gruppenführer wenden. Damit sie den Mut aufbringen, ist es nötig, dass der Gruppenführer seine Männer gut kennt. Männer, die direkt dem Meister untersteht und ihn begleiten, sollten keinen Extrasold bekommen. Zur Zeit der Sommermanöver bei Osaka kam jemand mit zwölf Monme feinsten Silbers zu Meister Taku Zusho und ritt mit ihm fort. Schlimm ist nicht , dass er früher abreiste, sondern dass er es aus Geldgründen tat. Ich halte es für besser, Geld mit Bedacht zu verteilen.
Monme: eine Gewichtseinheit, entspricht 3,75 Gramm.


Aus dem zweiten Kapitel


Es heißt, ein Krieger sollte Sake, Eitelkeit und Luxus meiden. Nun, solange du unglücklich bist, besteht kein Grund zur Sorge. Aber bist du ein wenig euphorisch, werden diese drei Dinge gefährlich. Sieh dir die Natur des Menschen an. Es ist unpassend, sich etwas darauf einzubilden, wenn die Dinge gut stehen. Daher ist es heilsam, als junger Mensch unglücklich zu sein. Jemand, der keine Verluste erfährt, entwickelt einen schlechten Charakter. Ein Mensch, der aufgibt, wenn er in Schwierigkeiten steckt, ist wertlos.
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Wenn du einem Menschen begegnest, ist es hilfreich, wenn du schnell seinen Charakter erfassen und entsprechend darauf reagieren kannst. Besonders einen streitlustigen Menschen solltest du - nachdem du ihm genügend Zeit gelassen hast, seine Ansichten vorzutragen - freundlich, aber bestimmt durch unwiderlegbare logische Argumente auf deine Seite bringen. Dabei solltest du darauf achten, ihm nicht das Gefühl zu geben, er sei unterlegen. Das erfordert Fingerspitzengefühl und Redegewandtheit.

Diese Ansichten stammen von einem Priester, der sich über persönliche Begegnung äußerte.
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Träume sind ein Abbild der Realität. Gelegentlich träume ich, dass ich in der Schlacht falle oder Seppuku begehe. Am Anfang habe ich immer schreckliche Angst. Aber dann nehme ich all meinen Mut zusammen und die Angst löst sich allmählich auf.
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Wenn ich erklären sollte, was einen Krieger ausmacht, würde ich antworten: sich mit Leib und Seele seinem Herrn zu verschreiben. Und wenn mich jemand fragen sollte, was ein Krieger darüber hinaus benötigt, dann würde ich erwidern: Intelligenz, Menschlichkeit und Mut. Alle drei Tugenden zu erlangen, das mag einem Durchschnittsmenschen unerreichbar erscheinen, aber es ist leicht. Intelligenz erwirbst du, wenn du mit anderen diskutierst. Menschlichkeit erwirbst du, indem du etwas zum Wohle deiner Mitmenschen tust. Und Mut erlangst du, wenn du die Zähne zusammenbeißt und durchhälst, ungeachtet aller Schwierigkeiten und Hindernisse. Etwas Wertvolleres als diese drei Tugenden gibt es nicht.
Was das Äußere des Kriegers betrifft, sind für ihn sein Erscheinungsbild, sein Ausdrucksvermögen und die vollendete Beherrschung der Kalligraphie wichtig. All das läßt sich durch tägliche Anwendung verbessern. Darüberhinaus solltest du dich grundsätzlich bemühen, ruhig und sicher aufzutreten. Außerdem solltest du die Geschichte und Bräuche unserer Provinz studieren. Zum Zeitvertreib kannst du dich noch mit verschiedenen Künsten befassen. Wenn man darüber nachdenkt, ist es einfach, ein Gefolgsmann zu sein. Und wenn du darauf achtest, welche Leute heutzutage von Nutzen sind, dann wirst du sehen, dass ihr Äußeres nichts zu wünschen übrig lässt.
Das sind die drei universellen Tugenden des Konfuzianismus.

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Ein Mönch sagte einmal, wer gedankenlos einen Fluß überquert, dessen Tiefe ihm unbekannt ist, wird in ihm ertrinken. Dasselbe gilt für einen Gefolgsmann, der großen Eifer an den Tag legt, ohne die Neigung des Meisters zu kennen. So ein Mann ist nutzlos und stürzt sich selbst ins Unglück. Abgesehen davon ist es unangebracht, sich beim Meister lieb zu machen. Zuerst solltest du dir ein Bild über die Erfordernisse und Schwierigkeiten deiner Arbeit machen und sie dann so verrichten, dass dein Meister daran keinen Anstoß nimmt.
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Wenn du einige Beutel mit Klee am Körper trägst, wirst du von Erkältungen verschont bleiben. Vor einigen Jahren kehrte Nakano Kazuma von einem Botenritt in eine andere Provinz zurück. Es war mitten im Winter und er war schon ein alter Mann. Trotzdem hatte er nicht die geringsten Schmerzen. Man sagt, der Grund dafür sei gewesen, dass er Klee benutzte. Außerdem kann man, in dem man sich aus Pferdeäpfel ein Getränk bereitet, Blutungen stoppen, die dadurch entstanden sind, dass man vom Pferd gefallen ist.
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Ein Mensch ist fehlerlos, wenn er sich aus Streitigkeiten heraushält. Das erfordert Stärke.
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Sei der Gegenwart treu und vermeide Ablenkungen. Lasse dich auf nichts anderes ein, als jeden Tag dein Bestes zu geben, und lebe von Tag zu Tag.
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Das Einzige, was zählt, ist der Augenblick. Das ganze Leben eines Menschen ist eine Abfolge von Augenblicken. Wenn jemand die Bedeutung der Gegenwart versteht, dann gibt es für ihn nichts anderes mehr und keine anderen Ziele. Widme deshalb dein Leben der Gegenwart.

Jeder lässt die Gegenwart an sich vorbeischlüpfen und hält dann nach ihr Ausschau, als wäre sie irgendwo anders zu finden. Aber wer einmal verstanden hat, wie wichtig die Gegenwart ist, ist wie verwandelt, auch wenn er seine frisch gewonnene Erkenntnis noch manchmal vergisst.

Wenn es dir gelingt, dich ganz auf die Gegenwart zu konzentrieren, werden deine Probleme verschwinden. Auch Loyalität ist eine Form von Konzentration.
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Es heißt, der Zeitgeist sei etwas, das man nicht wieder heraufbeschwören könne. Dass dieser Geist allmählich verschwindet, hängt damit zusammen, dass unsere Welt sich ihrem Ende nähert. Auch ein Jahr besteht nicht nur aus Frühling und Sommer. Zu jedem Tag gehört auch eine Nacht.

Die Welt lässt sich beim besten Willen nicht um 100 Jahre zurückdrehen. Deshalb ist es wichtig, jeder Generation eine Chance zu geben. Leute, die der Vergangenheit nachtrauern, vergessen das allzu leicht. Leichtsinnig sind allerdings auch die Menschen. die nur das Heute kennen und die Erkenntnisse der Vergangenheit gering schätzen.
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Die tapferen Männer aus früheren Zeiten waren in der Mehrzahl Banditen. Sie waren stark und mutig, aber sie liebten auch die rohe, sinnlose Gewalt. Als ich das bezweifelte, sagte Tsunetomo: "Die Männer strotzten damals vor Kraft. Daher schlugen sie sich ständig die Köpfe ein. Heutzutage ist diese Brutalität verschwunden, denn die Männer von heute sind sanfter. Ihre Kraft ist geringer, aber ihr Charakter besser. Mut ist etwas anderes als Kraft. die Männer von heute brennen genauso darauf, ihr Leben zu wagen."

Über Fürst Naoshiges Führungsstil berichtet Ushida Shoemon, dass er seine Männer in die Schlacht führte, ohne ihnen vorher seine Pläne mitzuteilen, und ihnen seine Befehle erst im letzten Moment erteilte. Auch als er im Sterben lag, sagte er nichts, obwohl seine wichtigsten Gefolgsleute zu ihm geeilt waren.
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Nachdem Fürst Ieyasu eine Schlacht verloren hatte, sagte man: "Ieyasu ist ein tapferer General. Von seinen Soldaten starb nicht einer mit dem Rücken zum Feind. Alle blickten ihren Tod bis zuletzt isn Auge."

Mit welcher Einstellung ein Krieger lebt, lässt sich erkennen, wie er stirbt.
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Was Yashuda Ukyo über den "letzten Trinkspruch" sagte, gilt allgemein: Nur das Ende zählt. Wenn du irgendwo zu Gast bist, gehe nicht zu früh! Du erweckst sonst den Eindruck , du hättest dich gelangweilt, und verletzt damit deinen Gastgeber. Wann immer du mit anderen Menschen zu tun hast, gib ihnen das Gefühl, dass du sie magst und ernst nimmst. Das kostet dich nur geringe Anstrengungen und zahlt sich aus.
Unsere Körper erhalten ihr Leben aus dem Nichts. Dass etwas existiert, wo nichts ist, ist die Bedeutung des Satzes "Form ist Leere". Dass alle Dinge aus dem Nichts erschaffen werden, ist in dem Satz "Leere ist Form" zusammengefasst. Beides ist im Grunde dasselbe.
Diese Zitate stammen aus dem Prajna-paramita-hridaya-Sutra, welches die Kurzfassung des Prajna-paramita-Sutra ist (Prajna-paramita bedeutet "Weisheit").

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Uesugi Kenshin sagte einmal: "Ich wusste nie, wie man gewinnt. Ich kann nur gut reagieren." Das ist interessant. Ein Gefolgsmann, der langsam reagiert, wird leicht überrascht. Ist er dagegen reaktionsschnell, ist er stehts zu Diensten und um eine gute Antwort nicht verlegen.
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Du solltest dich davor hüten, ältere oder ranghöhere Leute über Moral, Gelehrsamkeit oder Brauchtum zu belehren. So etwas mit anzuhören ist peinlich.
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In Kamigata benutzen die Leute eine Art Picknickkarton wenn sie einen Tag ins Grüne gehen, um die Kirschblüte zu betrachten. Wenn sie zurückkommen, wird der Karton platt getrampelt und fortgeworfen. Wie man sich denken kann, ist das eine meiner Erinnerungen an die Hauptstadt [Kyoto]. Es ist immer wichtig, wie man etwas beendet.
Die Kirschblüte ist ein prachtvolles, aber kurzlebiges Naturschauspiel im Frühling, für das viele Japaner extra ins Grüne fahren.
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Als wir eine Landstraße hinuntergingen, sagte Tsunetomo: "Ist der Mensch nicht bloß eine Marionette? Es ist ein Wunder, dass er laufen, springen und sogar sprechen kann, obwohl gar keine Fäden an ihm befestigt sind. Gehen wir nicht nächstes Jahr zur Totenfeier? Unsere Welt ist ein Trugbild. Die Menschen vergessen das immer."
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Einem der jungen Fürsten wurde beigebracht, dass "rechtzeitig" "jetzt gleich" bedeutet.

Wer glaubt, das sei ein Scherz, der irrt. Wenn du zum Beispiel vor deinen Meister gerufen wirst, um sofort etwas zu erklären, bist du wahrscheinlich überfordert. Das wäre ein Zeichen von Nachlässigkeit. Erst wenn du "rechtzeitig" mit "jetzt sofort" gleichsetzt, bist du ein wahrer Gefolgsmann. Übe zu Hause im Schlafzimmer, dich klar und verständlich auszudrücken, denn du könntest noch heute vor deinen Herrn, den Ältestenrat oder sogar den Shogun in Edo gerufen werden.

Es ist immer empfehlenswert, gut unterrichtet zu sein. Das gilt sowohl für den Krieger als auch für den Händler. Wer sich derart konzentriert, wird begreifen, wie nachlässig und unentschlossen er bisher war.
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Am 14. des siebten Monats im dritten Jahr des Shotoku waren einige Köche mitten in den Vorbereitungen für das Bon-Fest im äußeren Bereich der Festung. Einer von ihnen, Hara Jurozaemon, zog sein Schwert und hieb Sagara Genzaemon den Kopf ab. Mawatari Rokuuemon, Aiura Tarobei, Koga Kinbei und Kakihara Riemon flohen in Panik. Als Jurozaemon Kinbei erblickte und ihm nachsetzte, floh Kinbei zum Sammelplatz der Fußsoldaten. Dort stellte sich der Eskortenführer des Daimyo, Tanaka Takeuemon, dem Amokläufer in den Weg und nahm ihm sein Schwert weg. Ishimaru San´emon war losgelaufen, um Jurozaemon einzufangen. Als er zu den Fußsoldaten kam, half er Takeuemon, Jurozaemon abzuführen.

Das Urteil wurde am 9. des elften Monats im selben Jahr verkündet. Jurozaemon wurde gefesselt und enthauptet. Rokuuemon, Tarobei, Kinbei und Riemon wurden entlassen und San´emon wurde vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Takeuemon erhielt als Belohnung drei Silberstücke.

Später wurde kritisiert, Takeuemon hätte schneller reagieren und den Mann gleich fesseln müssen.

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Selbst wenn dir ein Fehler im Regierungsgeschäft unterläuft, lässt sich das wahrscheinlich mit Ungeschick oder fehlender Erfahrung entschuldigen. Aber welche Entschuldigung gibt es für das Versagen der Männer, die neulich an dem peinlichen Vorfall beteiligt waren? Meister Jin´emon sagte immer: "Für einen Krieger reicht es, ein treuer Gefolgsmann zu sein." Sein Grundsatz wurde in diesem Fall verletzt. Es ist besser, sich den Bauch aufzuschlitzen, als in Schande weiterzuleben. Dein Glück würde dich verlassen, du dürftest keine anständige Arbeit mehr verrichten und wärst für immer gebrandmarkt. Wenn du dich an dein Leben klammerst, wird man die nächsten fünf, zehn oder 20 Jahre mit dem Finger auf dich zeigen. Nach deinem Tod wärst du entehrt und deine schuldlosen Nachkommen müssten darunter leiden, dass sie deinem Geschlecht entstammen. deine Ahnen würden in den Schmutz gezogen und alle Familienmitglieder hätten ein Makel. So ein Zustand wäre unerträglich.
Wer keinen Gedanken daran verschwendet, was es bedeutet, ein Krieger zu sein, und seine Tage im Müßiggang verbringt, verdient es bestraft zu werden.
Prinzipiel kann man sagen, ein Mann, der erschlagen wurde, war zu schwach oder vom Glück verlassen. Der Mann, der ihn tötete, hat ebenfalls sein Leben aufs Spiel gesetzt und wurde durch die Umstände oder sein Ehrgefühl zu dieser Tat gezwungen. Deshalb darf man ihn nicht der Feigheit beschuldigen. Schnell aus der Haut zu fahren ist eine schlechte Eigenschaft, aber wenn zwei Männer sich im Zweikampf gegenüberstehen, kann man sie nicht als feige bezeichnen. Bei dem erwähnten Vorfall haben sich die Überlebenden allerdings mit Schande befleckt. sie sind keine wahren Krieger.
Seltsamer gestatten die Götter jedem Menschen, sein Leben auf die eine oder andere Art zu vergeuden. Der Weg des Kriegers dagegen ist die tägliche Auseinandersetzung mit dem Tod. Tag für Tag denkt er daran, wann und wo er sterben wird und wie er einem ruhmvollen Tod finden kann. Das ist hart und erfordert viel Disziplin. Aber für einen willensstarken Menschen ist nichts unmöglich.
Abgesehen davon spielt Autorität eine wichtige Rolle beim Militär. Mit einem Befehl wäre der Mann bei dem Vorfall am besten aufzuhalten gewesen. Wenn es unvermeindlich gewesen wäre, hätte man den Mann töten müssen. Aber wenn er weggelaufen wäre, hätte man ihn mit den Worten "Bleib stehen! Nur Feiglinge laufen davon!" aufhalten können. Früher gab es einen hoch geachteten Mann, von dem man sagte, dass er Menschen gut einschätzen wusste und solche Situation entschärfen konnte. Das beweist, dass kein Unterschied besteht zwischen "jetzt" und "rechtzeitig". Die Stellung des Yokoza no yari ist ein weiteres Beispiel hierfür.
Es gibt viele Dinge, die im Vorhinein bedacht werden müssen. Jemand, der im Haus des Meisters einen Mann erschlagen hat, ist eine Bedrohung für den Meister selbst. Deshalb solltest du ihn töten. Vielleicht wirst du deswegen bei der Untersuchung des Vorfalls als Verbündeter des Täters verdächtigt oder jemand beschuldigt dich, du hättest eine offene Rechnung mit ihm beglichen. In dieser Situation solltest du jedoch nur daran denken, deinen Meister zu schützen, und nicht an die möglichen Konsequenzen.
Was Yokoza no yari bedeutet, kann heute nicht mehr rekonstruiert werden. Eventuell handelte es sich dabei um einen Mann, der in Kriegszeiten plötzlich die Aufgaben des Daimyo (aristokratischer Feudalfürst) übernahm, oder er kam, um den Daimyo vor einer plötzlichen Gefahr zu schützen.
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Es ist hilfreich, ein wenig Rouge in seinem Ärmel mitzuführen. Manchmal hast du, wenn du nüchtern wirst oder aus dem Schlaf erwachst, einen ungesunden Teint. dann ist es gut, ein wenig Rouge aufzutragen.
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Wenn dir der Kopf abgeschlagen wird, bist du trotzdem in der Lage, noch eine Handlung auszuführen. Das beweist Nitta Yoshisadas letzte Tat. Wäre er nicht so willenstark gewesen, er wäre in dem Moment gestorben, in dem sein Kopf zu Boden fiel. Vor kurzem gab uns Ono Doken ein weiteres Beispiel für dieses Phänomen. Diese Handlungen sind möglich aufgrund der großen Willenskraft. Jemand, der sehr mutig und von dem Gedanken an Rache durchdrungen ist, wird nicht sofort sterben, wenn man ihm den Kopf abschlägt.
Nitta Yoshisada: (1301?-1338) ein General der kaisertreuen Truppen, der sich - vom Feind umzingelt- selbst den Kopf abschlug und ihn vergrub, bevor er starb
Ono Doken: ein Samurai, der 1615 zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde. Als ein Beamter seinen Tod feststellen wollte, ergriff Ono das Schwert des Mannes und tötete ihn damit, bevor er zu Asche zerfiel.
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Ob du edler Abkunft bist oder niederer Abstammung, ob du reich bist oder arm, ob jung oder alt, erleuchtet oder verwirrt, du wirst eines Tages sterben. Das weiß zwar jedes Kind, aber wir wollen es einfach nicht wahrhaben. Obwohl wir um die Unausweichlichkeit unseres Todes wissen, glauben wir zuversichtlich, dass alle anderen vor uns sterben werden. Unser Tod scheint in weiter Ferne zu liegen.
Ist das nicht Selbstbetrug? Es ist verkehrt und lächerlich dazu. Da dein Tod jederzeit eintreten kann, solltest du stets dein Bestes geben und nie etwas unnötig hinausschieben.
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Es kommt vor, dass du dich gehen lässt und redest, ohne nachzudenken. Deine Zuhörer könnten das als unanständig oder auch als verlogen empfinden. Deshalb solltest du dich nach so einem Vorfall deinen Anklägern stellen und ihnen ehrlich Rede und Antwort stehen. Damit rehabilitierst du dich vor ihnen und dir selbst. Zudem solltest du dir danach besondere Mühe geben, niemand mehr zu verletzten.

Wenn allerdings jemand den Weg des Kriegers oder deine Provinz kritisiert, solltest du ihn ohne falsche Höflichkeit zurechtweisen.
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Obwohl hervorragende Künstler andere Künstler stets als Konkurrenten betrachten, trat Hyodo Sachu letztes Jahr seinen Renga-Meistertitel an Yamaguchi Shochin ab; eine Tat, die höchste Anerkennung verdient.
Renga: Kettenverse
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Der Priester Tannen pflegte Windglocken aufzuhängen. er erklärte seinen Beweggrund so: "Ich tue das nicht, weil mir der Klang so gut gefällt. Die Glocken zeigen mir an, ob es windig ist oder windstill. Wenn ein Feuer ausbricht, ist das sehr wichtig. Als Tempelvorsteher ist ein Feuer meine einzige Sorge." Wenn der Wind blies, machte er auch mitten in der Nacht Kontrollgänge. sein ganzes Leben lang ließ er das Feuer in seiner Kohlenpfanne nie erlöschen und hatte immer eine Papierlaterne und einen Feuerstein griffbereit neben seinem Bett. Er meinte: "Bei einem Unglück geraten die Leute in Panik und es gibt keinen, der schnell ein Licht anmacht."
Deine Wachsamkeit sollte nie nachlassen, egal, ob du gerade durch die Straßen reitest oder doch im Schlafzimmer ausruhst, ob du auf dem Schlachtfeld stehst oder gemütlich zu Hause auf der Tatami sitzt. Lässt du dich gehen, bist du unvorbereitet, wenn der Moment der Wahrheit kommt. Sei deshalb immer und überall auf der Hut. Nur wer auch auf der Tatami zum Kampf bereit ist, wird auf dem Schlachtfeld seinen Mann stehen.
Tatami: dicke Strohmatten, die etwa 1x2 Meter messen und dazu dienen, den Boden zu bedecken.
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Tapferkeit und Feigheit sind Eigenschaften, die in Zeiten des Friedens verborgen bleiben. erst besondere Umstände fördern sie zutage.
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Zwar heißt es, die Götter würden unreine Menschen verabscheuen, aber wer an die Götter glaubt, weiß, dass sie ihn beschützen. Gerade dann, wenn du im Blut watest und über Leichenberge steigst, stehen sie dir zur Seite. Selbst wenn du dich mit Schande bedeckt hast, lassen sie dich nicht im Stich. Deshalb solltest du, egal wie misslich deine Lage ist, deinen Glauben an sie nicht verlieren.

Wenn du in Schwierigkeiten steckst oder dich eine Katastrophe trifft, brauchst du darüber nicht viele Worte zu verlieren. Auch wenn es dir gut geht, bedarf das keiner besonderen Erwähnung. Wenn du mit anderen sprichst, tue es knapp und präzise. Denke erst nach und sprich dann, so bleiben dir Missverständnisse erspart. Die Hauptsche ist, dass du alles gibst und die richtige Einstellung hast. Das zu erklären ist schwierig, aber jeder sollte an der richtigen Einstellung arbeiten. Wem sie fehlt, der wird mich wahrscheinlich nicht verstehen.
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Das Leben des Menschen ist kurz. Deshalb solltest du das tun, was du tun willst. Es ist närrisch, in dieser Traumwelt zu leben, lauter unangenehme Dinge zu sehen und nur Dinge zu tun, die du nicht magst. Allerdings ist es wichtig, das nicht den jungen Menschen auf die Nase zu binden, da es ihnen - falsch verstanden - schaden kann.

Ich persönlich schlafe gern. Und ich habe vor, mich meinem Alter angemessen mehr und mehr zurückzuziehen und den Rest meines Lebens hauptsächlich schlafend zu verbringen.
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Ich hatte einen Traum in der Nacht vom 28. Tag des zwölften Monats im dritten Jahr des Shotoku. In diesem Traum stärkte ich nach und nach meinen Willen. Der Zustand eines Menschen wird in seinen Träumen offenbar. Du solltest deine Träume als gute Freunde betrachten.

Schamgefühl und Reue sind wie ein Wasserkessel, der umstürzt und dadurch das Feuer unter sich löscht. Als ein Freund von mir das Geständnis eines Mannes hörte, der ihm seine wertvolle Schwertscheide gestohlen hatte, bekam er Mitleid. Wenn du deine Fehler korrigierst, dann werden sie dir verziehen werden.
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Laut des buddhistischen Mönchs Kaion wird ein Mensch übermäßig stolz, sobald er ein wenig Einsicht gewinnt, denn nun glaubt er seine Grenzen und Schwachpunkte zu kennen. Es ist jedoch tatsächlich sehr schwer, die eigenen Grenzen und Schwachpunkte herauszufinden.
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Die Würde eines Menschen ist auf den ersten Blick zu erkennen. Würde liegt in einer ruhigen Haltung und im sparsamen Gebrauch von Worten. Würde liegt im feierlichem Auftreten und in tiefer Einsicht.

Alles wird an der Oberfläche reflektiert. Aber letztlich liegt Würde in der Einfachheit des Gedankens und der Wachheit des Geistes.

Gier, Wut und Dummheit sind etwas, vor dem man sich hüten muss. Wenn schlimmes geschieht, dann hängt es - genau besehen - immer mit diesen drei Eigenschaften zusammen. Wenn du dagegen das Gute auf der Welt betrachtest, dann siehst du, dass Weisheit, Menschlichkeit und Mut es bewirkt haben.
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Es heißt, du wirst keine großen Taten vollbringen, wenn du nicht gegenüber deinem Herrn, den Hauptgefolgsleuten und den Ältesten Respekt und Demut zeigst. Was beiläufig und aus freien Stücken getan wird, erbringt keine guten Resultate.
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Nakano Kazuma Toshiaki soll Folgendes gesagt haben:
"Es gibt Leute, denen es unpassend erscheint, für die Teezeremonie alte Gerätschaften zu verwenden, und ihnen deshalb neue, ungebrauchte vorziehen. Andere Leute geben den neuen Gerätschaften den vorzug, weil sie schöner glänzen. Diese Leute kennen nicht den wahren Wert alter Gerätschaften Nicht nur Menschen aus bescheidenen Verhältnissen benutzen sie, sondern sie werden auch von den höheren Schichten geschätzt."

Das Gleiche gilt für den Gefolgsmann. Ein Menschn, der mit der Zeit von den niederen zu den höheren Klassen aufsteigt, gewinnt an Wert. Es ist vollkommen falsch zu denken, ein Mensch ohne einen eindrucksvollen Stammbaum könne nicht die gleiche Arbeit leisten wie einer von edler Abstammung oder einem einfachen Soldaten solle nicht gestattet werden, ein Anführer zu werden. Ein Mensch, dem ein gesellschaftlicher Aufstieg gelungen ist, sollte noch höher geschätzt werden als jemand, der in seine Klasse hineingeboren wurde.

Mein Vater Jin´emon sagte, dass er, als er noch jung war, manchmal zum Eingang des chinesischen Viertels mitgenommen wurde, um sich an die Atmosphäre der Stadt zu gewöhnen und den Umgang mit Menschen zu lernen. Sobald er fünf Jahre alt war, schickte man ihn regelmäßig als Repräsentant seiner Familie zu verschiedenen Leuten. Um stark zu werden, musste er, sobald er sieben Jahre alt war, die Strohsandalen eines Kriegers anziehen und die Tempel der Ahnen besuchen.
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Es ist deine Pflicht, die Geschichte und die Entstehung deines Klans und seiner Mitglieder zu kennen. Aber es gibt Zeiten, in denen ein allzu großes Wissen darüber hinderlich sein kann. Du solltest diskret sein.
Es ist schriftlich überliefert, dass der Priester Shungaku sagte: "Indem man sich weigert, eine Sache aufzugeben, gewinnt man an Stärke." Das ist interessant. Etwas, das nicht zur rechten Zeit und am rechten Ort beendet wird, bleibt ein Leben lang unvollendet. Wenn etwas so schwierig ist, dass du es alleine scheinbar nicht bewältigen kannst, dann verdopple einfach deine Anstrengungen.
"Handle rasch und entschlossen und du überwindest selbst eine Wand aus Eisen", so lautet ein anderer interessanter Satz. Schnelles und entschlossenes Handeln ist erforderlich, um ein Ziel zu erreichen. In diesem Zusammenhang kann man sagen, Hideyoshi war der Einzige, der die Entschlossenheit besaß, die größte Chance in der Geschichte Japans zu ergreifen.
Toyotomi Hideyoshi: (1536-1598); Als Sohn eines Bauern geboren, wurde er später der Nachfolger seines Herrn, Fürst Oda Nobunaga, und setzte dessen Einigung des Landes fort.
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Menschen, die immer wieder über dieselben unbedeutenden Dinge sprechen, sind vermutlich mit etwas unzufrieden. Aber um das zu verschleiern, wiederholen sie dasselbe immer wieder. So etwas zu hören macht misstrauisch.
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Du solltest vorsichtig sein und dich nicht dazu hinreißen lassen, etwas zu sagen, was andere verärgern könnte. Bevor du dich versiehst, ist deine Äußerung in aller Munde. dadurch kommst du ins Gerede und machst dir unnötig Feinde. Wenn du verärgert bist, solltest du zu Hause bleiben und Gedichte lesen.
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Sich über die Angelegenheiten Dritter zu äußern ist ein schwerer Fehler. Diese zu loben ist ebenfalls verkehrt. In jedem Fall ist es das Beste, wenn du deine eigenen Fähigkeiten kennst, dir bei deinen Unternehmungen Mühe gibst und dich ansonsten diskret zurückhälst.
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Das Herz eines tugendhaften Menschen ist ruhig. Er hat es nicht eilig, seine Ziele zu erreichen. ein Mensch mit wenigen Verdiensten ist voller Unruhe. Er verursacht ständig Ärger und liegt mit allen im Streit.
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Es ist beruhigend, die Welt als einen Traum zu betrachten. Wenn du einen Albtraum hast, wachst du auf und sagst dir, dass es nur ein Traum war. Man sagt, die Welt, in der wir leben, unterschiede sich nicht im Geringsten davon.

Einige Menschen missbrauchen ihre Intelligenz, um Ränke zu schmieden und um all das zu erreichen, was ihnen als wünschenswert erscheint.

Doch du wirst niemals Erfolg haben, wenn du nicht aufrichtig bist.
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Wer sich bei einem Prozess oder auch einer Diskussion schnell geschlagen gibt, verliert auf würdevolle Art. Es ist genau wie beim Sumo [Ringen]: Wer nicht verlieren kann, entwertet seinen Sieg. Meistens erleidet er eine bittere Niederlage.
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Sich anderen überlegen zu wähnen, immer schlechter Laune zu sein und mit allen im streit zu liegen - dieses Verhalten zeigt ein Mensch, dem es an Mitgefühl fehlt. Wenn dein Herz voller Mitgefühl ist, wirst du niemals mit anderen Menschen in Konflikt geraten.
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Ein Mensch, der nur wenig weiß, tut, als wüsste er viel. Wenn jemand es irgendwo zu wahrer Meisterschaft gebracht hat, wird er sich das nicht anmerken lassen. Das ist wahrer Adel.

Wenn du jemanden besuchen willst, ist es am besten, es denjenigen im Vorhinein wissen zu lassen. Es ist ungeschickt, zu ihm zu gehen, ohne zu wissen, ob er gerade beschäftigt ist oder Sorgen hat. Selbst bei einer Einladung solltest du vorsichtig sein. Allzu leicht passiert es, dass du ahnungslos ein Tabuthema berührst.

Trotzdem solltest du nie unfreundlich zu jemandem sein, der dich überraschend besucht, auch dann nicht, wenn du viel zu tun hast.
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Es ist schlecht, selbst eine gute Sache, zu weit zu treiben. Auch was den Buddhismus, die buddhistischen Lehren und moralischen Lektionen betrifft, ist es schädlich, zu viel über sie zu sprechen.
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Laut Priester Keiho hat Fürst Aki gesagt, dass Mut Fanatismus erfordere. Das stimmte zu meiner Überraschung völlig mit meiner eigenen Ansicht überein. Seitdem bin ich immer fanatischer geworden.
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Der verstorbene Nakano Kazuma sagte: "Der eigentliche Zweck der Teezeremonie ist, die sechs Sinne zu reinigen. Die Schriftrolle und das Blumenarrangement erfreuen das Auge, der Duft der Räucherstäbchen die Nase. Der Klang des sprudelnden Wassers und der Geschmack des Tees wirken beruhigend auf Ohr und Mund. Die Hände und Füße konzentrieren sich auf die vollendete Ausführung der Bewegungen. Wenn man die fünf Sinne auf diese Weise reinigt, wird auch die Seele gereinigt. Die Teezeremonie entspannt die Seele. Ich versuche meinen Geist ununterbrochen im Sinne der Teezeremonie zu reinigen, aber nicht etwa, um als Mann von Welt zu gelten. Abgesehen davon sollten die Gerätschaften der Teezeremonie dem sozialen Rang des Besitzers entsprechen.

In dem Kurzgedicht "Unter dem Tiefschnee im letzten Dorf/erblühen letzte Nacht zahlreiche Pflaumenblüten" wurde die Formulierung "zahlreiche Pflaumenblüten" in "eine einzelne Pflaumenblüte" abgeändert. Man sagt, dass diese "einzelne Pflaumenblüte" wahre Ruhe versinnbildlicht.

Wenn enge Freunde, Verbündete oder Menschen, die dir etwas schulden, etwas falsch gemacht haben, dann tadle sie unter vier Augen und vermittle zwischen ihnen und der Gesellschaft. Du kannst einem Menschen helfen, seinen schlechten Ruf abzulegen, indem du ihn als zuverlässigen Verbündeten und einzigartigen Freund preist. Wenn du ihn außerdem privat angemessen in die Pflicht nimmst, wird er wieder auf den rechten Pfad zurückkehren. Lobe einen Menschen vor anderen und ihre Herzen werden sich für ihn öffnen. Mache dir zum Vorsatz, alles und alle mit Mitgefühl zu behandeln und immer das Richtige zu tun.
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Jemand sagte folgendes:

"Es gibt grundsätzlich zwei Verhaltensweisen: Entweder man zeigt offen seine Gefühle oder man verbirgt sie. Ein Mensch, der nicht zu beiden Verhaltensweisen fähig ist, ist wertlos. Es ist wie bei einem Schwert. Man sollte es gut schärfen und dann sicher in der Scheide verwahren. Hin und wieder sollte man es hervorholen, sich damit die Augenbraunen stutzen, es säubern und wieder in die Scheide zurückstecken.

Wenn jemand immer ein blankes Schwert in der Hand hält, wird sich ihm keiner nähern und er wird auch keine Freunde haben.

Wer dagegen niemals sein Schwert zieht, lässt zu, dass es rostet und seinen Glanz verliert. Von so einem Menschen hält niemand etwas."

Eine Gruppe von fünf oder sechs Pagen, die in einem Boot zur Hauptstadt unterwegs waren, rammte versehentlich mit ihrem Boot spät in der Nacht ein anderes Schiff. Fünf oder sechs Seemänner sprangen an Bord und verlangten lautstark, dass die Pagen ihnen - wie es der Kodex der Seeleute vorschrieb - als Entschädigung den Anker ihres Bootes überlassen sollten. Als sie das hörten, rannen die Pagen auf sie zu und schrien: "Der Seemannskodex gilt nur für euresgleichen! Glaubt ihr etwa, wir gestatten euch, Ausrüstung von unserem Boot zu nehmen? Wir werden jeden von euch in Stücke hacken und ins Meer werfen!" Die Seeleute suchten daraufhin entsetzt das Weite.
In einer solchen Situation musst du an deine Ehre als Krieger denken. Bei unbedeutenden Angelegenheiten kannst du dich häufig schon durch ein selbstsicheres Auftreten durchsetzen. Wenn du dich einschüchtern lässt, bereitest du deinem Stand Schande.
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Ein Mann, der bei der Überprüfung seiner Bücher feststellte, dass ihm Geld in der Kasse fehlte, schrieb an seinen Abteilungsleiter: "Es wäre bedauerlich, wegen Gelddingen Seppuku begehen zu müssen. Daher bitte ich Sie als meinen Abteilungsleiter, mir den folgenden Betrag zu schicken." Da das eine vernünftige Bitte war, wurde der fehlende Betrag erstattet und die ganze Angelegenheit vergessen. Es heißt, sogar Verbrechen können korrigiert werden, sodass sie gar nicht bemerkt werden.

Wer ungeduldig ist, schadet sich selbst und wird keine großen Taten vollbringen. Wenn du bei der Erledigung einer Sache nicht daran denkst, wie viel Zeit sie in Anspruch nehmen wird, wird sie überraschend schnell erledigt sein. Die Zeiten ändern sich. Stell dir vor, wie die Welt in 15 Jahren aussehen wird. Sie wird sehr verändert sein, aber wer ein Blick in das Buch der Prophezeihung wirft, stellt fest, dass die Veränderungen kleiner sind, als man denkt. In 15 Jahren wird nicht einer der tapferen Männer mehr leben. Und selbst wenn die Männer, die jetzt noch jung sind, sich bewähren, werden es doch weniger als die Hälfte schaffen.

Alle Dinge verlieren langsam an Wert. Wenn es zum Beispiel eine Goldknappheit gäbe, würde Silber den größten Wert darstellen, und wenn es eine Silberknappheit gäbe, wäre Kupfer das wertvollste Gut. Da sich die Zeiten ändern und die Fähigkeiten der Männer geringer werden, wirst du schon von Nutzen sein, wenn du dich nur ein wenig bemühst. 15 Jahre sind etwa die Zeitspanne eines Traums. Wenn ein Mann auf seine Gesundheit Acht gibt, wird er am Ende sein Ziel erreichen und eine wertvolle Person sein. In einer Zeit, in der es viele Meister gibt, mußt du dich besonders anstrengen. Aber in Zeiten, in denen es mit der Welt abwärts geht, ist es leicht, dir einen Namen zu machen.
*
Du solltest dir Mühe geben, die schlechten Angewohnheiten anderer zu korrigieren. Sei wie die Grabwespe. Wenn du ein gutes Vorbild bist, wird sogar ein Adoptivkind deinem Beispiel nacheifern.
Jigabachi: zu Deutsch "Grabwespe" - heißt wörtlich übersetzt: "Gleiche-mir-Wespe". Man sgte früher, Grapwespen hätten die Fähigkeit, andere Insekten zu adoptieren und aus ihnen ebenfalls Grabwespen zu machen. In der Terminologie der Buddhisten bedeutet jiga, die Tugend Buddhas zu erhalten, indem man immer wieder Sutras wiederholt.
*
Wenn du an dich selbst glaubst, dann werden deine Worte im Einklang mit deinen Taten stehen und deine Mitmenschen werden dich respektieren. Aber wenn du dich selbst infrage stellst, dann bleibt nichts zu sagen. Die letzte Zeile eines gedichtes, die lautet "Wenn dein eigenes Herz dich fragt" , ist das geheime Prinzip aller Künste. Man sagt, es sei ein weiser Richter.
Das Gedicht ist aus dem Gosen waka shu:
"Anderen zu sagen
Es sei nur ein Gerücht
Ist nicht genug.
Frage mit deinem Herzen.
Was wird es dir antworten?"

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Wenn du den Geschichten von alten Männern lauschst, dann solltest du mit tiefer Ehrfurcht zuhören, auch wenn das, was sie sagen, dir schon bekannt ist. Es ist ein ganz besonderer Moment, wenn du, nachdem du eine Sache zehn- oder zwanzigmal gehört hast, plötzlich eine neue Erkenntnis gewinnst. Im ermüdenden Geschwätz alter Leute verbergen sich verdienstvolle Taten.


Aus dem dritten Kapitel


Fürst Naoshige sagte einmal: "Es gibt nichts, das so tief empfunden wird wie das Giri. Es kommt vor, dass ein cousin stirbt, und ich fühle nichts. Aber dann höre ich von einem Menschen, der vor 50 oder 100 Jahren lebte, von dem ich nichts weiß, außer dass ich nicht mit ihm verwandt bin, und ich muss - aus einem Gefühl von Giri - weinen."
Giri: Pflichtgefühl, Sinn für Gerechtigkeit und Dankbarkeit, Ehrgefühl und Verantwortungsbewußtsein.
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Als Fürst Naoshige an einem Ort namens Chiriku vorbeikam, sagte jemand zu ihm: "An diesem Ort lebt ein Mann, der über 90 Jahre alt ist. Da dieser Mann offenbar vom Glück begünstigt ist, warum halten Sie nicht an und besuchen ihn?" Naoshige hörte ihn an und erwiderte darauf: "Wer könnte bedauernswerter sein als dieser Mann? Wie viele seiner Kinder und Enkelkinder hat er wohl sterben sehen? Worin liegt da das Glück?"

Anscheinend machte er nicht Halt, um diesen Mann zu besuchen.
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Als Fürst Naoshige mit seinem Enkel, Fürst Motoshige, sprach, sagte er: "Egal ob du von edler oder niederer Abstammung bist, eine Familie erlebt ihren Niedergang, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Wenn du diesen Neidergang mit Gewalt zu verhindern versuchst, wird das Ende unrühmlich sein. Wenn du glaubst, die Zeit ist gekommen, dann ist es das Beste, mit Anstand loszulassen. Dadurch kannst du deine Familie vielleicht sogar retten."


Aus dem vierten Kapitel

Als Nabeshima Tadanao 15 Jahre alt war, beleidigte ein Küchengehilfe einen ranghöheren Vasallen. Ein Fußsoldat wollte ihn daraufhin verprügeln. Aber wider Erwarten tötete der Küchengehilfe den Soldaten. Die Klan-Ältesten sprachen sich für die Todesstrafe aus und begründeten ihr Urteil damit, dass er zuerst eine Ordnungswidrigkeit begangen und dann das Blut seines Gegners vergossen habe. Tadanao hörte das und sagte: "Was ist schlimmer: sich im Ton zu vergreifen oder den Weg des Kriegers zu verlassen?"

Darauf hatten die Ältesten keine Antwort. Tadanao fuhr fort: "Ich habe gelesen, wenn ein Verbrechen unklar ist, sollte die Strafe leicht ausfallen. Sperrt ihn eine Weile ein."
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Einmal, als Fürst Katsushige in Shiroishi jagte, schoss er einen gewaltigen Eber. Alle rannten herbei und riefen: "Alle Achtung! Ihr habt da einen riesigen Burschen erlegt." Plötzlich sprang der Eber auf und warf sich auf sie. Alle rannten in Panik davon, aber Nabeshima Matabei zog sein Schwert und tötete das Tier. Fürst Katsushige bedeckte währenddessen sein Gesicht mit einem Ärmel und rief: "Es ist sehr staubig hier!" Vermutlich tat er das, um nicht mit ansehen zu müssen, wie seine Männer kopflos davon liefen.

Als Fürst Katsushige jung war, befahl ihm sein Vater Fürst Naoshige: "Um das Töten zu erlernen, wirst du heute ein paar zum Tode verurteilte Männer hinrichten." Er brachte ihn an einen Ort, der heute innerhalb des Westflügels liegt, stellte zehn Männer auf und Katsushie köpfte einen nach dem anderen, bis er neun von ihnen hingerichtet hatte. Als er zum zehnten kam, sah er, dass der Mann jung und gesund war, und sagte: "Ich habe genug vom Töten. Dieser Mann soll am Leben bleiben." Und das Leben des Mannes wurde verschont.
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Fürst Katsushige pflegte zu sagen, es gebe vier Arten von Gefolgsleuten. Die ersten seien "anfangs schnell, dann langsam", die zweiten "anfangs langsam, später schnell", die dritten "immer schnell" und die letzten "immer langsam".

Die "immer Schnellen" führen ein Befehl schnell und gut aus. Fukuchi Kichizaemon ist ein Beispiel dafür.

Die "anfangs Langsamen, später Schnellen" sehen sich zuerst außerstande, den Befehl auszuführen, aber tun dann alles, um ihn trotzdem auszuführen. Ich würde sagen, Nakano Kazuma gehörte zu ihnen.

Die "anfangs Schnellen, dann Langsamen" scheinen den Befehl zuerst schnell auszuführen, aber zaudern dann und verlieren viel Zeit . Von solchen Männer gibt es viele.

Die anderen - man könnte sagen: der Rest - sind "immer Langsame".


Aus dem sechsten Kapitel

Bei der Schlacht von Bungo kam ein Bote vom feindlichen Lager zu Fürst Takanobu und brachte Sake und Essen. Takanobu wollte schnell davon nehmen, aber die Männer an seiner Seite hielten ihn zurück. Sie warnten: "Euer Gegner schickt euch vermutlich vergiftete Speisen. Ihr solltest nicht davon kosten."

Takanobu erwiderte: "Selbst wenn die Speisen vergiftet wären, was würde das am Lauf der Dinge ändern? Bringt den Boten her!" Er öffnete das Sakefässchen in Abwesenheit des Boten, trank drei große Schalen Sake, bot auch dem Boten eine an, gab ihm eine Antwort und schickte ihn zurück in sein Lager.

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Takagi Akifusa wandte sich gegen den Ryuzoji-Klan, bat Maeda Iyo no kami Iesada um Hilfe und wurde von ihm aufgenommen. Akifusa war ein furchtloser Krieger und ein erprobter und gut trainierter Schwertkämpfer. er hatte zwei Gefolgsleute, Ingazaemon und Fudozaemon, ebenfalls erstklassige Schwertkämpfer, die ihm Tag und Nachtnicht von der Seite wichen.

Nun geschah es, dass Fürst Takanobu eine Bitte an Iesada schickte, Akifusa zu töten. Iesada wartete, bis Akifusa sich auf der Veranda von Ingazaemon die Füße waschen ließ, sprang dann unvermittelt aus seinem Versteck hervor und schlug ihm den Kopf ab. Bevor sein Kopf fiel, zog Akifusa reflexartig sein kurzschwert und drehte sich um, aber schlug dabei Ingazaemons Kopf ab.

Die beiden Köpfe fielen zusammen in den Wascheimer. Dann erhob sich Akifusas Kopf langsam in die Luft. Das war seine magische Technik.

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Der Priester Tannen pflegte in seinen täglichen Gesprächen zu sagen:

Ein Mönch kann den buddhistischen Weg nicht erfüllen, wenn er nicht Mitgefühl zeigt und sich zugleich innerlich mit Mut wappnet. Und ein Krieger, der Mut hat, aber kein mitfühlendes Herz, taugt nicht zum Gefolgsmann. Daher nimmt sich der Mönch den Mut des Kriegers zum Vorbild und der Krieger versucht so mitfühlend zu sein wieder der Mönch.

Ich bin viele Jahre gereist und habe weise Männer getroffen, aber ich habe nie herausgefunden, wie man Weisheit erlangt. Daher habe ich stets, wenn ich von einem mutigen Mann hörte, alle Schwierigkeiten in Kauf genommen, um ihm zu begegnen. Die Geschichten über den Weg des Kriegers haben mir zweifellos auf dem Pfad zum Buddhismus geholfen. Ein Krieger vertraut auf seine Waffen, wenn er in das Lager des Feindes stürmt. Glaubst du, dass ein Mönch sich mit einem Rosenkranz mitten in einen Wald aus Spreeren und Langwschwertern stürzen kann, nur geschützt von Demut und Mitgefühl? Wenn er nicht großen Mut besitzt, wird er das nicht riskieren. Als Beweis dafür mag dienen, dass einige Priester, die bei einem großen buddhistischen Gottesdienst die Räucherstäbchen anzünden, zittern. Diesen Männern fehlt es an Mut.

Dinge, wie einen Mann aus dem Reich der Toten zurückzuholen, sind eine Frage des Mutes. Trotzdem haben die Mönche in letzter Zeit alle falsche Vorstellungen und streben danach, sanft zu sein; keiner von ihnen geht den Weg zu Ende. Abgesehen davon gibt es unter den Kriegern einige Feiglinge, die den Buddhismus fördern. Das ist bedauerlich. Es ist ein großer Fehler, einen jungen Krieger den Buddhismus zu lehren. Er wird dann alles von zwei Warten aus betrachten. Ein Mensch, der sich nicht ein einziges Ziel setzt, hat keinerlei Wert. Es ist schön und gut, wenn Ruheständler sich zum Vergnügen mit dem Buddhismus beschäftigen. Aber nur wenn ein Krieger Ergebenheit gegenüber seinem Herrn und Respekt vor seinen Eltern zeigt und sich 24 Stunden am Tag in Mut und Mitgefühl übt, wird er ein Krieger werden.

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In seinen morgendlichen und abendlichen Gebeten und tagsüber, wenn er seinen Pflichten nachgeht, sollte ein Krieger stets an seinen Meister denken. Ebenso sollten einem Mönch Buddha und seine heilligen Worte immer gegenwärtig sein. Außerdem solltest du dich in Eintracht mit deinen Familiengöttern befinden. Wenn du mitfühlend bist, sind dir die Götter wohl gesinnt. Alte und neue Beispiele von dem Untergang gnadenloser Krieger, die tapfer waren, aber ohne Mitgefühl, sprechen eine deutliche Sprache.
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In einem Gespräch sagte ein Gefolgsmann von Fürst Nabeshima Naohiro: "Es gibt hier keinen Mann, auf den sich der Meister wirklich verlassen kann. Obwohl ich vollkommen nutzlos bin, bin ich der Einzige, der bereit ist, für Euch sein Leben zu opfern."

Es heißt, Fürst Naoshiro sei schrecklich wütend geworden. Er sagte: "Unter unseren Gefolgsleuten ist nicht einer, der nicht bedenkenlos sein Leben für mich geben würde! Du bist arrogant!" Er hätte den Mann geschlagen, wenn seine Kameraden ihn nicht in Sicherheit gebracht hätten.
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Einmal, als Meister Tanesada, der Gründer des Chiba-Klans, zu der Insel Shikoku übersetzte, erhob sich ein starker Wind und sein Boot wurde beschädigt. Der Untergang des Bootes wurde durch Muscheln verhindert, die sich über die beschädigten Stellen legten. Von dieser Zeit an aß kein einziges Mitglied des Chiba-Klans Muscheln. Es heißt, wenn einer aus Versehen eine Muschel aß, war bald darauf sein ganzer Körper mit Beulen in Muschelnform bedeckt.
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Als das Schloss von Arima am 28. Tag seiner Belagerung fiel, setzte sich Mitsuse Genbei auf einen Damm, ganz in der Nähe der inneren Festung. Als Nakano Shigetoshi vorüberkam und ihm nach dem Grund fragte, antwortete Mitsuse: "Ich habe Magenkrämpfe und kann keinen Schritt weitergehen. Ich habe meine Männer vorgeschickt, also bitte, übernehmen sie das Kommando." Dieser Vorfall wurde vom Aufseher gemeldet. Mitsuse wurde Feigheit vor dem Feind vorgeworfen und ihm befohlen, Seppuku zu begehen.
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Zur Zeit von Fürst Naoshiros Tod verbot Fürst Mitsushige den Vasallen von Naohiro, Tsuifuku zu begehen. Sein Bote ritt zu Naoshiros Schloss und verkündete den Erlass, aber Naoshiros Gefolgsleute wollten ihn nicht befolgen. Aus ihrer Mitte erhob sich Ishimaru Uneme (später Seizaemon genannt) vom niedrigsten Sitz aus und sagte: "Es steht mir als jungem Menschen nicht zu, meine Meinung zu sagen, aber ich halte Fürst Mitsushiges Befehl für vernünftig. Da ich das Wohlwollen des Meisters empfing, als ich noch jung war, war ich bis jetzt fest zum Tsuifuku entschlossen. Aber jetzt, wo ich den Erlass von Fürst Mitsushige gehört habe und davon überzeugt bin, dass er seine Gründe dafür hat, gebe ich die Idee von Tsuifuku auf und werde dem Nachfolger unseres Herrn dienen." Als die anderen das hörten, schlossen sie sich ihm an.
Tsuifuku: Seppuku (ritueller Selbstmord) eines Gefolgsmanns beim Tod seines Meisters
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Einmal spielte Fürst Masaie Shogimit Fürst Hideyoshi und eine Reihe von Daimyo sah ihnen zu. Als Masaie sich nach dem beendetem Spiel zurückziehen wollte, waren seine Füße völlig taub. Zwar gelang es ihm, aufzustehen, aber er konnte keinen Schritt stehen. Notgedrungen zog er sich kriechend zurück, was alle zum Lachen brachte. Da Fürst Masaie groß und fettleibig war, war dieser Vorfall für ihn doppelt unangenehm. Danach weigerte er sich, seine Pflicht zu erfüllen.
Shogi - japanische Variante des Schachspiels
Daimyo - ein aristokratischer Feudalfürst
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Am zwölften Tag des achten Monats im sechsten Jahr des Eiroku fiel Nakano Uemonnosuke. Bevor er an die Front ritt, umarmte er seinen Sohn Shikibu (später Jin´emon genannt) und sagte zu ihm, obwohl er noch sehr jung war: "Wenn du erwachsen bist, gewinne Ehre auf dem Weg des Kriegers!"

Selbst als seine eigenen Kinder noch klein waren, nahm Jin´emon sie zur Seite und sagte: "Werde ein loyaler Gefolgsmann und sei deinem Herrn von gutem Nutzen." Er vertrat die Ansicht, dass man den Kindern grundlegende Dinge nicht früh genug beibringen kann.
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Als Ogawa Toshikiyos legitimer Sohn Sahei Kiyoji früh starb, ritt einer seiner Gefolgsmänner zum Tempel und beging Seppuku.
Als Taku NAgato no kami Yasuyori verschied, sagte Koga Yatameon, dass er nicht in der Lage gewesen sei, das Wohlwollen des Meisters zu rechtfertigen, und beging Tsuifuku.


Aus dem siebten Kapitel

Narutomi Hyogo sagte: " Gewinnen heißt, seine Verbündeten besiegen. Seine Verbündeten besiegen bedeutet, sich selbst besiegen. Uns sich selbst besiegen heißt, den eigenen Körper völlig unter Kontrolle zu bringen.

Es ist so, als ob du inmitten von 10 000 Verbündeten stehst, aber nicht einer folgt dir. Wer nicht zuerst seinen Körper und Geist in Einklang gebracht hat, wird den Feind nicht besiegen können."
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Während der Schimabara-Rebellion kämpfte Shugyo Echizen no kami Taneano, da seine Rüstung noch im Lager war, nur in Hakama und Haori. Es heißt, er sei in diesem Aufzug gefallen.
Hakama: Hose mit weiten, mit Schlitzen versehenen Beinen
Haori: eine kurze Jacke

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Als das Schloss von Shimabara angegriffen wurde, trug Tazaki Geki eine besonders prachtvolle Rüstung. Fürst Katsushige fand das unangebracht und sagte danach immer, wenn er etwas Protziges sah: "Das ist wie Gekis Rüstung."

Im Licht dieser Geschichte erscheinen prächtige Rüstungen und Waffen als ein Zeichen von Schwäche. Sie gewähren einen Blick in die Seele des Trägers.
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Als Nabeshima Hizen no kami Tadanao starb, brachte sein Diener Ezeo Kinbei seine Gebeine zum Berg Koya und ließ sie dort segnen. Dann zog er sich in eine menschenverlassene GEgend zurück und schnitze eine Statue von von seinem Meister und eine von sich selbst, die vor der Statue des Meisters kniete. Am ersten Todestag von Tadanao kehrte er nach Hause zurück und beging Tsuifuku. Später wurde die Statue vom Berg Koya zum Kodenji-Tempel gebracht.

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In der Generation von Fürst Mitsushige war Oishi Kosuke anfangs ein einfacher Fußsoldat, der an der Seite seines Meister diente. Wann immer Fürst Mitsushige die jedes zweite Jahr fällige Reise zu seiner Residenz in Edo antrat, machte Kosuke regelmäßif Kontrollgänge um das Schlafquartier seines Meisters. Und wenn er eine bestimmte Gegend für unsicher hielt, rollte er eine Strohmatte aus und hielt die ganze Nacht hindurch Wache. Das tat er auch bei schlimmstem Unwetter, nur geschützt durch einen simplen Bambushut und Ölzeug. Es heißt, bis zu seinem Tod sei er keine einzige Nacht unachtsam gewesen.
Als Oishi Kosuke Uchitonin war, schlich sich ein Unbekannter spät in der Nacht in die Schlafgemächter der Dienerinnen. Es gab einen großen Aufruhr und Männer und Frauen aller Dienstgrade liefen durcheinander; nur Kosuke war nirgends zu sehen. Während die älteren Hofdamen ihn suchten, wartete Kosuke ruhig mit gezogenem Schwert im Zimmer neben der Schlafstätte seines Meisters. Als alle in Panik verfielen, dachte er nur an seinen Meister und war zur Stelle, um ihn zu beschützen. Wegen dieses Vorfalls hieß es später, er hätte andere Wertmaßstäbe als alle anderen.
Der Mann, der sich eingeschlichen hatte, war Narutomi Kichibei. Er und sein Komplize Hamada Ichizaemon wurden wegen Ehebruchs zum Tode verurteilt.
Uchitonin scheint die Bezeichnung für eine persönliche Leibwache des daimyo in seinem Wohnbereich zu sein.
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Als Fürst Katsushige einmal in Nishime auf Jagd war, wurde er aus irgendeinem Grund sehr wütend. Er zog sein Schwert mitsamt der Scheide aus dem Obi und begann, Soejima Zennojo damit zu verprügeln. Aber das Schwert glitt ihm aus der Hand und fiel in eine Schlucht. Zennojo ließ sich, um das Schwert zu retten, ebenfalls in die Schlucht fallen. Er kletterte mit dem Schwert wieder nach oben und übergab es unverzüglich seinem Meister. Zennojos Reaktionsschnelligkeit und seine Treue waren einzigartig.
Obi - Gürtel der den Kimono zusammenhält

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Als Meister Sano Ukyo den Fluss Takao überquerte, wurde die Brücke gerade repariert. Ein großer Pfeiler konnte nicht hochgezogen werden. Meister Ukyo stieg vom Pferd, umfasste den Pfeiler, stieß einen Schrei aus und begann, ihn hochzuziehen. Es gab ein lautes Getöse, und obwohl er ihn ein ganzes Stück hochzog, konnte er irgendwann nicht mehr, und der Pfahl versank wieder. Danach kehrte Ukyo nach Hause zurück, wurde krank und starb unvermittelt.

Er sollte im Tempel von Jobaru bestattet werden. Als die Prozession die Takao-Brücke überquerte, fiel der Leichnam aus dem Sarg und in den Fluss. Ein 16-jähriger Novize vom Shufukuji sprang sofort hinterher und bekam den Leichnam zu fassen. Daraufhin liefen alle zum Fluss hinunter und halfen bei der Bergung. Der Oberpriester war sehr beeindruckt und befahl den anderen Novizen, sich an diesem jungen Mann ein Beispiel zu nehmen. Es heißt, er sei später ein berühmter Mönch geworden.

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Yamamoto Kichizaemon wurde im Alter von fünf Jahren von seinem Vater Jin´emon befohlen, einen Hund zu erschlagen. Mit zehn Jahren musste er einen Verbrecher hinrichten. Zu dieser Zeit wurde von jedem Mann erwartet, dass er mit 14 oder 15 Jahren in der Lage war, eine Enthauptung fehlerlos durchzuführen. Als Fürst Katsushige jung war, befahl ihm Fürst Naoshige das Töten mit dem Schwert zu üben. Man sagt, dass er damals mehr als zehn Verbrecher hintereinander enthauptete.

Vor langer Zeit praktizierten Hinrichtung vor allem die höheren Klassen. Aber heutzutage trainieren das nicht einmal mehr die Kinder aus den unteren Schichten. Das ist sehr bedauerlich. Zu behaupten, man käme ohne Hinrichtungen aus, oder es sei ein Verbrechen oder gar beschämend, sind faule Ausreden. Jemand, der sich gegen Hinrichtungen ausspricht, ist in der Regel hauptsächlich damit beschäftigt, sich die Fingernägel zu maniküren und gut auszusehen.

Wenn du einen Mann befragst, der vor solchen Dingen zurückschreckt, wirst du sehen, dass er nach Ausflüchten sucht, weil ihm die Nerven flattern. Aber Naoshige gab diesen Befehl, weil das etwas ist, was getan werden muss.

Letztes Jahr ging ich zu den Hinrichtungsstätten in Kase, um mich selbst im Enthaupten zu üben. Ich fand es sehr befriedigend. Es unerträglich zu finden, ist ein Zeichen für Feigheit.

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Unter den jungen Pagen, denen das Stirnhaar noch nicht rasiert wird, war in Fürst Mitsushiges Gefolge ein gewisser Tomoda Shozaemon. er war ein leichtsinniger Bursche und verliebte sich in einen bekannten Theaterschauspieler. Shozaemon nahm den Namen und das Wappen des Schauspielers an. er ging völlig in dieser Affäre auf und verschleuderte sein ganzes Hab und Gut dafür. als er nichts mehr besaß, stahl er Mawatari Rokubeis Schwert und ließ es durch einen Lanzenträger zum Pfandleiher bringen.

Der Lanzenträger verriet ihn jedoch und es wurde eine Untersuchung angeordnet. Der Ermittler war Yamamoto Gorozaemon. als Gorozaemon Fürst Mitsushige den bericht laut vorlas und zitierte: "Der Mann, der den Angeklagten beschuldigt, ist der Lanzenträger Soundso", befahl Mitsushige sofort: "Tötet beide."

Als die Zeit gekommen war, Shozaemon den Urteilsspruch mitzuteilen, ging Gorozaemon zu ihm und sagte: "Ich kann nichts mehr für Sie tun. Bereiten Sie sich auf ihre Hinrichtung vor"

Shozaemon straffte die Schultern und erwiderte: "So sei es. Ich weiß, was mir bevorsteht, und bin ihnen dankbar für ihre Worte." Durch eine Intrige wurde allerdings vereinbart, dass Shozaemon von einem Fußsoldaten geköpft werden sollte, während ihm sein Kaishakuvorgestellt wurde.

Als sie an der Hinrichtungsstätte anlangten, begrüte Shozaemon den Kaishaku seelenruhig. Aber als er sah, dass der Fußsoldat sein Schwert zog, sprang er auf und rief: "Wer bist du? Ich werde niemals zulassen, dass du mir den Kopf abschlägst!" Von diesem Moment an, war sein Seelenfrieden dahin und er war voller Angst. schließlich wurde er überwältigt und enthauptet.

Gorozaemon sagte später vertraulich: "Hätte man ihn nicht betrogen, wäre er vermutlich würdevoll in den Tod gegangen."
*
Noda Kizaemon sagte über die Funktion des Kaishaku: "Wenn ein Mann sich gegen seine Hinrichtung wehrt, ist die Gefahr groß, dass der Kaishaku versagt. In so einem Moment solltest du zuerst ein bisschen warten und dich konzentrieren. Überprüfe deine Haltung und warte den richtigen Augenblick ab. Wenn du dann zuschlägst, wird dein Schlag sitzen."
Weil der Kaishaku dann nicht in der Lage ist, seine Aufgabe bestimmungsgemäß durchzuführen, und damit Schande über sich oder den Verurteilten bringt.
*
In der Generation von Fürst Katsushige mussten die Gefolgsleute, ungeachtet ihres Ranges, von klein auf für ihren Meister niedere Arbeiten verrichten. Einmal, als Shiba Kizaemon so eine Arbeit verrichtete, schnitt sich der Meister die Fingernägel und sagte dann: "Wirf die hier weg." Kizaemon nahm sie, aber verharrte regungslos. Der Meister fragte: "Was ist los?" Kizaemon antwortete: "Einer fehlt." Der Meister sagte: "Hier ist er", und gab ihm den Fingernagel, den er versteckt hatte.

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Am elften Tag des elften Monats im zweiten Jahr des Tenna wurde Sawabe Heizaemon befohlen Seppuku zu begehen.
Als er das in der Nacht des Zehnten hörte, sandte er einen Brief an Yamamoto Gonnojo [Tsunetomo], in dem er ihn bat sein Kaishaku zu sein. Yamamotos Antwortbrief lautete wie folgt (Tsunetomo war damals 24 Jahre alt):

Ich respektiere Ihre Entscheidung und erkläre mich einverstanden Ihr Kaishaku zu sein. Zuerst wollte ich instinktiv ablehnen. Aber da Ihre Hinrichtung morgen stattfindet, ist für Ausflüchte keine Zeit. Dass Sie mich für diese Aufgabe ausgewählt haben, ist mir eine große Ehre. Bitte sorgen Sie sich nicht um das, was zu tun bleibt. Obwohl es schon spät ist, werde ich Sie besuchen, um über Einzelheiten zu sprechen.

Heizaemon soll über diese Antwort gesagt haben: "Dieser Brief ist einzigartig."

Schon von alters her sehen Krieger es als schlechtes Omen, als Kaishaku fungieren zu müssen. Der Grund dafür ist, dass man keine Ehre damit gewinnt, auch wenn man seine Funktion gut erfüllt. Aber wer versagt, ist für den Rest seines Lebens entehrt.

*
Einmal, als Tanaka Yahei wegen geschäftlicher Angelegenheien in Edo weilte, benahm sich einer seiner Diener unverschämt und Yahei tadelte ihn scharf. Spät in derselben Nacht hörte Yahei, wie jemand die Treppe heraufkam. er wurde misstrauisch und stand leise auf. Mit dem schwert in der Hand fragte er, wer da sei. Es stellte sich heraus, dass es der Diener war, den er getadelt hatte. Der Diener verbarg ein Schwert hinter seinem Rücken. Yahei sprang hervor und tötete den Mann mit einem Schlag. Ich hörte viele Leute später sagen, Yahei habe viel Glück gehabt.

Meister Tokuhisa wurde missgestaltet geboren und sah aus, als sei er geistig zurückgeblieben. Einmal lud er einen Gast ein und servierte Hundsfischsalat. Daraufhin riefen alle: "Meister Tokuhisas Hundsfischsalat!", und lachten. später, als er in Begleitung war und jemand sich über ihn lustig machte, indem er diese Bemerkung wiederholte, riss Tokuhisa sein Schwert aus der Scheide und tötete ihn. Dieser Vorfall wurde untersucht und das Ergebnis Fürst Naoshige mitgeteilt: "Wir empfehlen Seppuku, da diese Bluttat innerhalb der Palastmauern begangen wurde."

Als Fürst Naoshige das hörte, sagte er: "Verspottet zu werden und nichts dagegen zu unternehmen ist feige. Es gibt keinen Grund, diese Tatsache zu übersehen, weil man im Palast ist Ein Mann, der sich über andere lustig macht , ist ein Narr. Er war an seinem Tod selbst schuld."

*
Nakano Mokunosuke begab sich einmal auf ein kleines Boot, um die kühlende Luft auf dem Fluss Sumida zu genießen. Gleichzeitig ging auch  ein ungehobelter Kerl an Bord und benahm sich äußerst frech. Als Mokunosuke sah, dass der Rüpel sich über den Bootsrand erleichterte, schlug er ihm den Kopf ab. Der Kopf fiel in den Fluss. Den kopflosen Leichnam bedeckte Mokunosuke schnell mit verschiedenen Gegenständen, damit niemand ihn entdeckte. Dann sagte er zum Bootsmann: „Dieser Vorfall sollte nicht bekannt werden. Rudern Sie den Fluss hoch und beerdigen Sie die Leiche. Ich werde Sie natürlich gut bezahlen.“

Der Bootsmann tat, wie ihm geheißen wurde. Aber in der Lagune, in der die Leiche vergraben war, schlug Mokunosuke dem Bootsmann den Kopf ab und kehrte unverzüglich zum Boot zurück. Man sagt, dass dieser Vorfall nie öffentlich bekannt wurde. Außer Mokunosuke war auch ein junger Homosexueller an Bord, der seinen Körper für Geld verkaufte. Mokunosuke sagte: „Ein junger Mann sollte lernen, wie man mit dem Schwert zuschlägt.“ Daraufhin versetzte der Homosexuelle der Leiche einen Schwertstreich. Weil er das getan hatte, sagte der junge Mann später nichts über diesen Vorfall.
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Es heißt, jedes Mal, wenn Oki Hyobus Gruppe sich versammelte, nachdem alle ihre Aufträge erledigt hatten, pflegte Hyobu zu sagen: „Junge Männer sollen immerzu ihren Mut fördern. Das gelingt, wenn ihr den Mut verinnerlicht. Wenn dein Schwert zerbricht, schlag mit den Händen zu. Wenn deine Hände abgehauen werden, drücke den Feind mit den Schultern zu Boden. Wenn deine Schultern abgeschlagen werden, durchbeiße mit den Zähnen zehn oder 15 Nacken der Feinde. Das ist echter Mut.“
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Shida Kichinosuke sagte: „Anfangs ist es sehr unangenehm, so lange zu laufen, bis man keine Luft mehr kriegt. Aber wenn man nach dem Lauf eine Weile stehen bleibt, fühlt man sich unwahrscheinlich gut. Besser als stehen zu bleiben ist es, sich hinzusetzen. Noch besser ist es, sich hinzulegen. Und am allerbesten ist es, sich ins Bett zu legen und fest zu schlafen. So sollte das ganze Leben eines Menschen verlaufen: Man sollte sich verausgaben, solange man jung ist, und ausruhen, wenn man alt ist. Erst schlafen und dann am Lebensende schwer arbeiten zu müssen ist ein trauriges Los.“

Ein ähnlicher Ausspruch von Kichinosuke lautet: „ Das Leben eines Menschen sollte so arbeitsam wie möglich sein.“
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Als Ueno Rihei Schatzmeister in Edo war, hatte er einen jungen Assistenten, mit dem er intim verkehrte. In der ersten Nacht des achten Monats gingen sie mit Hashimoto Taemon, dem Führer der Fußsoldaten, in die Kneipe. Rihei trank zu viel und auf dem Nachhauseweg drohte er dem jungen Assistenten, ihn zu erschlagen. Sie gerieten in ein Handgemenge und fielen beide in den Schmutz, wobei es dem Assistenten gelang, Rihei zu Boden zu drücken. In diesem Moment kann Riheis Diener angerannt und fragte „Meister Rihei, seid ihr obenauf oder liegt ihr unten?“
Als Rihei antwortete: „Ich liege unten!“, stieß der Diener einmal mit seinem Schwert zu. Der Assistent wurde nur leicht verletzt und lief davon.
Als der Vorfall untersucht wurde, steckte man Rihei in das Naekiyama-Gefängnis. Er wurde zur Höchststrafe verurteilt: Enthauptung. Früher, als er nach Edo gekommen war und in einem Haus im Händlerviertel gelebt hatte, hatte ein Diener ihn angegriffen  und er hatte ihn erschlagen. Aber er hatte korrekt gehandelt und die Leute sagten, er hätte gehandelt wie ein Mann. Diesmal hatte er sich aber völlig unnötig gehen lassen.
Es ist ein Zeichen für Feigheit und Schwäche, sich so stark zu betrinken, dass man sein Schwert zieht. Riheis Diener war ein Mann aus Taku, aber sein Name ist unbekannt. Obwohl er ein Mitglied der unteren Klasse war, war er ein tapferer Mann. Es heißt, Taemon habe während der Untersuchung Selbstmord begangen.

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In der zwölften Abteilung des fünften Kapitels im Ryoankyo steht folgende Geschichte:

In der Provinz Hizen lebte ein Mann aus Taku, der schwer an Pocken erkrankt war. Trotzdem wollte er unbedingt zum Heer, das das Schloss von Shimabara belagerte. Seine Eltern versuchten ihn mit allen Mitteln umzustimmen und argumentierten: „Selbst wenn du trotz deiner schweren Krankheit hingelangst, wie kannst du vor Ort von Nutzen sein?“

Er erwiderte: „ Ich wäre schon zufrieden, wenn ich auf dem Weg dorthin sterben würde. Kann ich meinen Meister, dessen Wohlwollen ich so lange genossen habe, jetzt im Stich lassen?“ Nach diesen Worten machte er sich auf den Weg an die Front. Obwohl es ein extrem kalter Winter war, achtete er nicht im Geringsten auf seine Gesundheit. Er trug nur wenige Kleider und schlief sogar in seiner Rüstung. Ja, er achtete nicht einmal auf seine Sauberkeit. Völlig unerwartet erholte er sich und bekam so die Gelegenheit, seine Loyalität in der Schlacht zu beweisen. Diese Geschichte zeigt, entgegen der anders lautenden Behauptung, dass fehlende Sauberkeit nicht verachtet werden sollte.

Als der Lehrer Suzuki Shozo das hörte, sagte er: „War es nicht ein reinigender Akt, sein Leben für seinen Herren zu wagen? Ein Mann, der bereit ist, sein Leben für einen rechtschaffenen Zweck zu opfern, muss vor den Pocken keine Angst haben. Die Götter werden ihn beschützen.“

Ryoanko: eine Sammlung von Vorträgen des Soto-Zen-Mönchs Suzuki Shoho (1579-1655)

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Fürst Katsushige sagte: „Ob die Menschen aus Hizen um ihr Leben fürchten, ist nicht von Bedeutung. Meine Sorge ist, dass sie die Regeln von Sitte und Anstand nicht mehr beachten. Ich fürchte, selbst unser Klan, unsere Verwandten und Ältesten werden sich aus Hochmut schon bald nicht mehr an die Hofetikette halten. Bis jetzt gibt es noch Menschen, die mit ihr aufgewachsen sind und selbst kleinste Abweichungen bemerken und ahnden. Ich habe dieses Gesetz erlassen, weil sehr viele Menschen in solchen Dingen nachlässig sind.

Während der Genroku-Periode lebte ein Samurai niederen Ranges namens Suzuki Rokubei in der Provinz Ise. Er litt an einem schlimmen Fieber und war schon im Delirium. Sein habgieriger Pfleger wollte die günstige Gelegenheit nutzen und machte sich daran , den Tuschkasten zu öffnen und das Geld zu stehlen, das Rokubei darin verwahrte. In diesem Moment regte sich der Kranke plötzlich, zog sein Schwert unter dem Kissen hervor und erschlug den Pfleger mit einem Hieb. Dann sank er in seine Kissen zurück und starb. Diese Tat beweist, dass Rokubei ein Mann von großer Entschlossenheit war.

Ich hörte diese Geschichte in Edo. Später befragte ich Dr. Nagatsuka, der ebenfalls aus Ise kam, über diese Geschichte. Er konnte sie bestätigen.


Aus dem achtem Kapitel

In der Nacht vom 13. des neunten Monats im vierten Jahr des Teikyo waren zehn No-Schauspieler zu Gast im Haus von Nakayama Mosuke - einem Fußsoldaten -, um den Mond zu betrachten. Angefangen mit Naotsuka Kanzaemon begannen alle, sich über den Fußsoldaten Araki Kyuzaemon lustig zu machen, weil er so klein war. Araki wurde wütend, tötete Kanzaemon mit einem Schwerthieb und ging dann auf die anderen los.

Obwohl er eine verkrüppelte Hand hatte, kam Matsumoto Rokuzaemon in den Garten hinunter und packte Araki von hinten mit seiner gesunden Hand. Dabei rief er: "Schurken wie dir breche ich das Genick mit einer Hand." Er riss Araki das Schwert aus der Hand, stieß ihn zu Boden und drückte ihm sein Knie in den Rücken. Als er ihn aber am Nacken packte, wurde ihm plötzlich schwindelig und Araki konnte ihn überwältigen.

Araki sprang schnell wieder auf die Füße und begann erneut, die anderen anzugreifen. doch nun stellte sich ihm Meister Hayata (später bekannt unter dem Namen Jirozaemon) mit einer Lanze entgegen. Am Ende wurde Araki von mehreren Männern überwältigt. Man verurteilte ihn dazu, Seppuku zu begehen. Die anderen Männer, die an dem Vorfall beteiligt waren, wurden entlassen und damit zu herrenlosen Ronin. Meister Hayata wurde später jedoch wieder in den Dienst aufgenommen.

Da Tsunemoto sich an diese Geschichte nur vage erinnert, ist es ratsam, selbst Erkundigung darüber einzuziehen.

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Vor einigen Jahren wurde im Jissoin in Kawakami ein Gottesdienst abgehalten. Fünf oder sechs Männer aus Kon´yamachi und aus der Gegend von Tashiro waren dort gewesen und machten auf dem Heimweg in einer Schänke halt. Unter ihnen war ein Gefolgsmann von Kizuka Kyuzaemon, der, weil er noch etwas zu erledigen hatte, die Einladung seiner Kameraden ausschlug und noch vor Einbruch der Nacht zurückkehrte. Die anderen gerieten jedoch nachher in einen Kampf, bei dem sie alle ihre Gegner erschlugen.

Kyuzaemons Gefolgsmann hört spät in der Nacht davon und eilte sofort zu den Quartieren seiner Kameraden. Er lauschte ihrer Beschreibung des Kampfes und sagte dann: „Ich glaube, ihr werdet Bericht erstatten müssen. Wenn ihr das tut, dann sagt bitte, ich sei bei euch gewesen und hätte dabei geholfen, jene Männer zu erschlagen. Ich werde Kyuzaemon dasselbe erzählen. Da jeder für den Kampf zur Rechenschaft gezogen wird, wird man mich dann ebenfalls zum Tode verurteilen. Das ist mein größter Wunsch! Mein Meister würde mir nicht glauben, wenn ich ihm erzähle, ich sei früher zurückgekommen. Kyuzaemon ist sehr streng, und selbst wenn die Ermittler mich freisprechen, würde er mich vermutlich öffentlich wegen Feigheit hinrichten lassen. In diesem Fall müsste ich mit dem Ruf sterben, davongelaufen zu sein.
Da ich sowieso irgendwann sterben muss, möchte ich lieber dafür hingerichtet werden, dass ich einen Mann getötet habe. Wenn ihr mit meinem Vorschlag nicht einverstanden seid, werde ich mich auf der Stelle entleiben.“

Da seinen Kameraden keine andere Wahl blieb, erfüllten sie seinen Wunsch. Doch obwohl sie entsprechend aussagten, kam bei der Untersuchung ans Licht, dass der Gefolgsmann früher zurückgekehrt war. Alle Ermittler waren beeindruckt und lobten den Mann.

Diese Geschichte kam mir nur bruchstückhaft zu Ohren, daher werde ich mich später noch nach den Einzelheiten erkundigen.

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Als Nabeshima Aki no kami Shigetake  einmal  beim Essen war, bekam er unangemeldeten Besuch. Er ließ seinen Teller stehen, wie er war. Später machte sich einer seiner Gefolgsmänner über den gebratenen Fisch her. In diesem Augenblick kam Fürst Aki zurück und sah ihn. Der Mann war peinlich berührt und lief davon. Fürst Aki rief ihm nach: Was für ein würdeloser Mensch bist du, dass du etwas isst, was ein anderer begonnen hat!“, setzte sich wieder hin und aß, was übrig geblieben war.

Das ist eine von Jin´emons Geschichten. Es heißt, dieser Gefolgsmann habe später Tsuifuku für seinen Meister begangen.




Yamamoto Jin´emon sagte seinen Gefolgsleuten immer: „Ihr dürft ruhig dem Glücksspiel frönen und lügen. Ein Mann, der dir immer die Wahrheit erzählt, taugt nichts.“ Früher hielten die Leute den Mut des Mannes für das Wichtigste. Man glaubte, ein Mann, der stets „korrekt“ sei, könne keine großen Taten vollbringen. Sie sahen über grobe Manieren hinweg, indem sie auf seine Leistungen hinwiesen.

Sagara Kyuma vergab seinen Gefolgsleuten sogar Diebstahl und Ehebruch und nahm sich Zeit, um sie zu besseren Menschen zu machen. Kyuma sagte: „ Wenn diese Männer nicht da wären, gäbe es niemanden, der von Nutzen ist.“

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Ikuno Oribe sagte einmal: „Wenn ein Gefolgsmann nur an das Heute denkt, dann ist nichts für ihn unmöglich. Wenn es eine Aufgabe gibt, die er an einem Tag bewältigen kann, dann sollte er sie sofort erfüllen. Morgen ist wieder ein neuer Tag.“

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Zu der Zeit , als Fürst Nabeshima Tsunashige noch nicht die Regierungsgeschäfte übernommen hatte, wurde er von dem Zen-Priester Kurotakiyama Choon zum Buddhismus bekehrt. Da er eine Erleuchtung gehabt hatte, wollte der  Priester ihm das Siegel verleihen. Das sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Damals war Yamamoto Gorozaemon zugleich der diener und Aufpasser von Tsunashige. Er erkannte die Gefahr, die vom Plan des Priesters ausging, und beschloss, Choon darum zu bitten, sein vorhaben aufzugeben. Anderenfalls wollte er ihn töten. Er ging zum Tempel und betrat ihn. Der Priester, der glaubte, Gorozaemon sei auf einer Wallfahrt, empfing ihn würdevoll.

Gorozaemon trat dicht an ihn heran und flüsterte: „Ich habe Euch etwas streng Vertrauliches mitzuteilen. Bitte schickt die anderen Priester fort.“ Choon kam seinem Wunsch nach.

Gorozaemon fuhr fort: „Man sagt, Ihr wolltet Tsunashige bald das Siegel verleihen wegen seiner Leistung im Buddhismus. Da Ihr selbst aus Hizen stammt, seid ihr sicher mit den Sitten und Gebräuchen des Ryuzoji- und Nabeshima-Klans vertraut. In unserer Provinz herrscht im Gegensatz zu anderen Frieden zwischen den hohen und niederen Ständen. Das liegt daran, dass hier schon seit mehreren Generationen eine einzige Familie herrscht. Nie hat ein Daimyo das buddhistische Siegel erhalten. Wenn ihr Tsunashige nun das Siegel verleiht, wird er sich selbst vermutlich als Erleuchteten betrachten und nicht mehr auf die Ratschläge seiner Gefolgsleute hören. Ein großer Mann wird eitel und selbstgefällig werden. Darum bitte ich Euch, verleiht ihm das Siegel nicht. Wenn Ihr nicht einverstanden seid, bleibt mir keine Wahl.“ Das sagte er mit großem Nachdruck.

Der Priester wurde blass. Aber er entgegnete ruhig: „Nun, wie ich sehe, hast du die allerbesten Absichten und kennst dich obendrein sehr gut mit den Gepflogenheiten deines Klans aus. Du bist ein loyaler Gefolgsmann...“
„Halt!“, rief Gorozaemon. „Ich durchschaue Ihr Spiel. Ich bin nicht hergekommen, um gelobt zu werden, Lasst mich ohne Umschweife hören, ob Ihr ihm das Siegel verleihen werdet oder nicht.“

Choon sagte: „Was du sagst, ist vernünftig. Ich verspreche Dir hiermit feierlich, dass ich Ihm das Siegel nicht verleihen werde.“

Tsunetomo hörte diese Geschichte von Gorozaemon selbst.

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Das Siegel war eine Urkunde, die ein Oberpriester einem Mönch überreichte, wenn dieser seiner Ansicht nach erleuchtet worden war.


Eine Gruppe von acht Samurai war unterwegs, um sich zu vergnügen. Zwei von ihnen - Komori Eijun und Otsubo Jin´emon - betraten ein Teehaus vor dem Kannon-Tempel in Asakusa. Dort gerieten sie in einen Streit mit den Angestellten und wurden heftig angegriffen. Die anderen, die sich auf einem Ausflugsboot befanden, hörten den Lärm. Muto Rokuemon sagte: „Wir sollten kehrtmachen und ihn helfen.“ Yoshii Yoichiemon  und Ezoe Jinbei stimmten ihm zu.

Die anderen brachten sie jedoch davon ab, indem sie warnten: „Das wird den Klan in Verruf bringen.“ Also kehrten sie nach Hause zurück.

Als sie zu Hause ankamen, verlangte Rokuemon erneut: „Wir sollten ihn unbedingt helfen!“ Aber die anderen brachten ihn wieder davon ab. Obwohl Eijun und Jin´emon  schwere Verletzungen an den Armen und Beinen davontrugen, erschlugen sie die Männer vom Teehaus. Diejenigen die ohne sie zurückgekommen wären, wurden vom Meister zur Rede gestellt.

Als der Vorfall im Einzelnen besprochen wurde, sagte jemand: „Wer erst auf Zustimmung wartet, kann niemandem zu Hilfe kommen. Du solltest den Mut haben, alleine zu gehen. Selbst auf die Gefahr hin, getötet zu werden. Jemand, der darauf drängt anderen zu helfen, es dann aber nicht tut, ist ein Heuchler. Listige Männer benutzen ihren Mund, um ihren Ruf zu verteidigen. Aber ein wahrer Gefolgsmann wird sich ohne Erlaubnis davonschleichen und für seine Kameraden sein Leben riskieren. Es ist nicht nötig, das Ziel zu erreichen : Du beweist deine Loyalität, indem du fällst. Ein Mann mit so einer Einstellung wird sein Ziel erreichen.“

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Ichiyuken war ein Diener von niederem Rang, der in der Küche von Fürst Takanobu arbeitete. Wegen einer Meinungsverschiedenheit, in der es um einen Ringkampf ging , erschlug er sieben oder acht Männer. Ihm wurde befohlen, Seppuku zu begehen. Als Fürst Takanobu jedoch von dem Vorfall hörte, begnadigte er den Mann. „In diesen schweren Zeiten“, sagte er, „in denen unser Land ununterbrochen von Kämpfen erschüttert wird, sind tapfere Männer wertvoll. Dieser Mann scheint mir tapfer zu sein.“ Takanobu  nahm ihn mit zu den Kämpfen am Uji-Fluss. Dort erwarb Ichiyuken unsterblichen Ruhm, indem er sich an die Spitze des Heeres setzte und mit Erfolg mehrere Beutezüge gegen den Feind unternahm.

In der Schlacht von Takagi stürmte Ichiyuken so weit in die feindlichen Linien, dass Tkanobu um sein Leben fürchtete und ihn zurückrief. Da die Vorhut ins Stocken gekommen war, konnte er ihn nur erreichen, indem er sich nach vrne warf und Ichiyuken am Arm packte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Ichiyuken schon mehrere Kopfverletzungen erlitten. Er hatte die Blutung jedoch gestillt, indem er ein Tuch mit grünen Blättern um den Kopf gebunden hatte.

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Am ersten Tag der Befreiung von Schloss Hara wurde Tsuruta Yashichibei mit einer Nachricht von Fürst Mimasaka zu Oki Hyobu geschickt. Als er gerade die Nachricht überbrachte, traf ihn eine Kugel vom schloss in die Beckengegend. Er fiel aufs Gesicht. Trotz seiner Verwunderung stand er wieder auf und übermittelte den Rest der Nachricht. Dann traf ihn eine zweite Kugel und er starb. Taira Chihyoesi brachte Yashichibeis Leichnam zurück. Auf dem Rückweg zu Hyobus Lager wurde auch Chihyoei von einer Kugel tödlich getroffen.

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Ein Mann namens Denko lebte in Taku. Seine Familie bestand aus seinem älteren Bruder Jirobei, einem jüngeren Bruder und seiner Mutter. Etwa im neunten Monat nahm Denkos Mutter Jirobeis Sohn zu einer Predigt mit. Als die Predigt vorbei war und der Junge seine Strohsandalen anzog, trat er versehentlich dem Mann neben sich auf den Fuß. Der Mann beschimpfte den Jungen und sie gerieten in einen heftigen Streit. Schließlich zog der Mann sein Schwert und tötet das Kind. Jirobeis Mutter klammerte sich voller Wut und Verzweiflung an den Mann und er tötete auch sie. Danach kehrte er nach Hause zurück.

Der Name dieses Mannes war Gorouemon. Er war der Sohn eines Ronin namens Nakajima Moan. Sein jüngerer Bruder hieß Chuzobo und lebte in den Bergen. Moan stand als Berater von Meister Mimasaka in Lohn und Brot und auch Gorouemon gehörte zu seinem Gefolge.

Als Jirobei von dem Vorfall erfuhr, machte sich sein jüngerer Bruder auf den weg zu Gorouemon. Als er die Tür verschlossen fand und keiner herauskam, verstellte er seine Stimme und tat, als wäre er ein harmloser Besucher. Als die Tür aufging, rief er seinen echten Namen und stürmte hinein. Er kreuzte die Klingen mit seinem Widersacher und beide fielen in einen Misthaufen. Aber schließlich gelang es ihm, Gorouemon zu töten. In diesem Augenblick kam Chuzobo herein und erschlug Jirobeis jüngeren Bruder.

Als Denko davon hörte , ging er zu Jirobei und sagte: „Von unseren Feinden ist nur einer getötet worden. Wir dagegen haben drei Familienmitglieder verloren. Das ist unerträglich. Du solltest Chuzobo!“ Aber Jirobei weigerte sich.

Denko empfand das als eine Schande. Obwohl er ein buddhistischer Mönch war, beschloss er, seine Mutter, seinen jüngeren Bruder und seinen Neffen zu rächen. Er war allerdings nur ein gewöhnlicher Mönch und musste deshalb damit rechnen, dass Meister Mimasaka ihn dafür bestrafen würde. Daher arbeitete er hart und wurde so shcließlich zum vorsteher des Ryuunji-Tempels ernannt. Dann ging er zum schwertmacher Iyonojo und bat ihn, ein Lang- und ein Kurzschwert anzufertigen. Er bot ihm außerdem an, sein Lehrling zu werden. Tatsächlich erlaubte ihm der Schwertmacher, bei der Herstellung der Schwerter mitzuwirken.

Am 23. des neunten Monats im darauf folgenden Jahr, war er so weit, um sich auf den Weg zu machen. Zufällig war zu dieser Zeit ein Gast im Tempel. Denko befahl, ihn zu bewirten, und schlich sich als Besucher verkleidet aus dem Tempel. Dann ging er nach Taku und erkundigte sich nach Chuzobo. Er erfuhr, dass Chuzobo mit einer großen Gruppe unterwegs war, um gemeinsam den Aufgang des Mondes zu betrachten. Vorerst kam er also nicht an ihn heran. Er war aber nicht länger gewillt zu warten und spürte, dass es sein Rachedurst stillen würde, wenn er Chuzobos Vater Moan erschlug. Er ging zu Moans Haus und erzwang sich den Weg in das Schlafzimmer. Dort rief er seinen Namen; und als Moan aufstand, stach er ihn nieder. Als die Leute aus der Nachbarschaft herbei rannten und ihn umringten, erklärte er die Situation. Dann warf er seine beiden Schwerter fort und ging nach Hause. Die Neuigkeiten eilten ihm nach Saga voraus und mehrere Mitglieder seiner Gemeinde kamen ihm entgegen und begleiteten ihn auf seinem Heimweg.

Meister Mimasaka war sehr wütend. Aber da Denko der Vorsteher von einem der Tempel des Nabeshima-Klans war, konnte er ihm nichts anhaben. Schließlich ließ er durch Nabeshima Toneri folgende Botschaft an Tannen, den Vorsteher des Kodenji-Tempels, richten: „Wenn ein Priester einen Mann getötet hat, muss er zum Tode verurteilt werden.“ Tannes Antwort lautete: „Die Bestrafung für einen unserer Gottesmänner wird vom Kodenji festgelegt. Bitte mischt Euch nicht ein.“

Meister Mimasaka wurde noch wütender und ließ anfragen: „Wie sieht diese Bestrafung aus?“ Tannen antwortete: „Obwohl Euch das nichts angeht, besteht Ihr auf Eurer Frage, daher will ich antworten. Das [buddhistische] Gesetz lautet, dass einem abtrünnigen Priester seine Gewänder genommen werden und er den Tempel verlassen muss.“

Im Kondenji wurden Denko seine Gewänder weggenommen. Aber als er den Tempel verlassen sollte, bewaffneten sich einige Novizen mit ihren Schwertern und eine große Zahl der Gemeindemitglieder kam, um ihn zu beschützen. Sie begleiteten ihn bis nach Todoroki. Während sie unterwegs waren, begegneten ihnen ein paar Männer, die wie Jäger gekleidet waren und sich erkundigten, ob sie aus Taku kamen. Danach lebte Denko in Chikuzen. Er wurde freundlich aufgenommen und verstand sich auch gut mit den dort ansässigen Samurai. Diese Geschichte wurde sehr bekannt und es heißt, er wurde, wohin er auch kam, stets freundlich aufgenommen.

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Horie San´emon stahl das Geld des Warenlagers der Nabeshima in Edo und floh in eine andere Provinz. Er wurde gefasst und war geständig. Das Urteil lautete: „Da es sich um ein schweres Vergehen handelt, soll der Angeklagte zu Tode gefoltert werden.“ Nakano Daigaku wurde damit beauftragt, die Folter zu überwachen.
Zuerst wurde San´emos gesamte Körperbeharrung verbrannt. Anschließend  wurden ihm die Sehnen durchtrennt und sein Körper mit Drillbohrern durchlöchert. Er wurde noch verschiedenen anderen Folterstrafen unterworfen. Die ganze Zeit hindurch zuckte er nicht einmal mit der Wimper. Am Ende brach man ihm das Rückgrat. Er wurde in kochende Sojasauce getaucht und sein Körper wurde in zwei Teile gebrochen.

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 Als Fukuchi Rokurouemon einmal das Schloss verließ, kam am Haus von Meister Taku die Eskorte einer offensichtlich hoch stehenden Dame vorbei. Ein Mann, der dort stand, verbeugte sich in der vorgeschriebenen Weise. Ein Hellebardenträger fuhr ihn jedoch an: „Deine Verbeugung war nicht tief genug!“, und versetzte ihm mit dem Griff seiner Waffe einen Schlag auf den Kopf.

Als der Mann seinen Kopf befühlte, stellte er fest, dass er blutete. Ohne sich das blut abzuwischen erhob er sich und sagte: „ Ihr habt eine unverzeihliche Handlung begangen, und das, obwohl ich mich korrekt verbeugt habe. Das war ein schwerer Fehler.“ Mit diesen Worten fällte er den Hellebardenträger mit einem Schwerthieb.

Die Eskorte setzte ihren Weg fort, aber Rokurouemon brachte seine Lanze in Kampfposition und stellte sich vor den Mann. „Legt Euer Schwert nieder!“, befahl er. „Innerhalb des Schlosses ist es verboten, das Schwert zu ziehen.“

Der Mann erwiderte ruhig: „Was gerade geschehen ist, war unvermeidlich. Die Umstände zwangen mich, so zu handeln. Das habt ihr sicher gesehen. Obwohl ich mein Schwert gerne wieder in die Scheide stecken würde, erlaubt Euer Ton mir das nicht. Das bedaure ich sehr. Trotzdem werde ich Eure Herausforderung mit Freuden annehmen.“

Rokurouemon senkte seine Lanze sofort und antwortete höflich: „ Was Ihr gesagt habt, ist vernünftig. Mein Name ist Fukuchi Rokurouemon. Ich werde bezeugen, dass Euer Betragen tadellos war. Ja, ich werde sogar Eure Ehre verteidigen, selbst wenn ich das mit meinem Leben bezahlen sollte. Jetzt steckt bitte Euer Schwert in die Scheide.“

„Mit Vergnügen“, sagte der Mann und tat es.

Als Rokurouemon  den Mann fragte, wo er herkäme, antwortete dieser, er sei ein Gefolgsmann von Taku Nagato no kami Yasuyori. Daraufhin begleite Rokurouemon ihn zu seinem Herrn und erklärte Nagato die Umstände. Da Fürst Nagato jedoch wusste, dass die Frau mit der Eskorte die Ehefrau eines Adligen war, befahl er seinem Gefolgsmann Seppuku zu begehen.

Rokurouemon trat vor und sagte: „Ich habe mein Wort als Krieger gegeben. Wenn dieser Mann Seppuku begehen muss, werde ich zuerst Seppuku begehen.“

Es heißt, der Befehl sei daraufhin aufgehoben worden.

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Fürst Shima ließ seinem Vater Aki durch einen Botschafter ausrichten: „Ich möchte eine Pilgerfahrt nach Kyoto zum Schrein des Gottes Atago machen.“ Fürst Aki fragte: „Da Atago der Gott der Bogenschießkunst ist möchte Fürst Shima ihn um Glück in der Schlacht bitten.“

Fürst Aki wurde ärgerlich und erwiderte: „Das ist völlig unsinnig! Sollen die Sturmtruppen der Nabeshima einen Gott um Beistand bitten? Auch wenn die Inkarnation von Atago selbst auf der Seite des Feindes kämpfen sollte, dürften unsere Truppen nicht zögern ihn zu töten.“

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Ein gewisser Dohaku lebte in Kurotsuchibaru. Er hatte einen Sohn namens Gorobei. Als Gorobei einmal mit einem Sack Reis unterwegs war, kam ihm ein Ronin von Meister Kumashiro Sakyo namens Iwamura Kyunai entgegen. Die beiden waren wegen eines früheren Vorfalls verfeindet. Gorobei versetzte Kyunai einen Schlag mit seinem Sack Reis, traktierte ihn mit den Fäusten und stieß ihn in einen Graben. Dann machte er sich aus dem Staub. Kyunai rief ihm eine Drohung nach und berichtete, als er wieder zuhause war, seinem älteren Bruder Gen´emon davon. Die zwei machten sich auf den Weg, um Rache an Gorobei zu nehmen.

Als sie an einem Haus anlangten, stand die Tür ein wenig offen. Gorobei wusste, was ihm bevorstand und wartete darum mit gezogenem Schwert hinter der Tür. Da Gen´emon davon nichts ahnte, trat er ein und wurde von Gorobei mit einem Hieb von der Seite überrascht. Schwer verwundet humpelte Gen´emon, auf sein Schwert gestützt, wieder hinaus. Daraufhin stürmte Kyunai ins Haus und griff Dohakus Schwiegersohn Katsuemon an, der am Herd saß. Der Schwerthieb glitt an der Aufhängung des Kessels ab und rasierte Katsuemon das halbe Gesicht weg. Dohaku gelang es, Kyunai mit Hilfe seiner Frau das Schwert zu entreißen.

Kyunai entschuldigt sich und sagte: „Ich habe mein Ziel erreicht. Bitte gebt mir mein Schwert zurück, dann werde ich meinen Bruder nach Hause begleiten.“ Als Dohaku es ihm jedoch aushändigte, fügte Kyunai ihm von hinten eine lebensgefährliche Verletzung am Hals zu. Dann kreuzte er mit Gorobei die Klingen. Beide gingen hinaus und lieferten sich einen ausgeglichen Kampf, bis Kyunai Gorobei den Arm abschlug.

Dann schulterte Kyunai, der ebenfalls viele Wunden davongetragen hatte, seinen Bruder Gen´emon und machte sich auf den Heimweg. Sein Bruder starb jedoch unterwegs.

Gorobei war schwer verletzt. Zwar gelang es ihm, die Blutungen zu stoppen, aber als er ein Glas Wasser trank, starb auch er.

Dohakus Frau war an den Händen verletzt worden. Dohakus Halswirbel waren durchtrennt und nur seine Luftröhre und seine Speiseröhre waren unverletzt geblieben, sodass sein Kopf nach vorne hing. Er stützte ihn mit den eigenen Händen ab und ging so zum Arzt.

Der Arzt behandelte ihn folgendermaßen: Zuerst trug er eine Mixtur aus Pinienharz und Öl aus Dohakus Nacken auf und verband ihn. Dann band er ein Seil um den Kopf und befestigte daran einen Holzbalken. Anschließend nähte er die offene Wunde zu und bedeckte Dohakus Körper - abgesehen vom Kopf - vollständig mit Reis, sodass er sich nicht mehr rühren konnte.

Dohaku verlor die ganze Zeit hindurch nie das Bewusstsein. Er blieb ganz ruhig und trank noch nicht einmal Ginseng. Es heißt, nur am dritten Tag erhielt er ein wenig Medizin, weil er Hämorrhoiden bekam. Schließlich wuchsen die Knochen wieder zusammen und Dohaku erholte sich vollständig.

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Als Fürst Mitsushige in Shimonoseki die Pocken bekam, behandelte ihn Ikushima Sakuan. Die Erkrankung war sehr schwer und hohe und niedere Gefolgsleute waren sehr bedrückt. Plötzlich wurden Mitsushiges verschorfte Wunden schwarz. Die Männer, die beim Kranken waren, verloren alle Hoffnung und informierten heimlich Sakuan, der sofort kam. „Nun, das ist ein gutes Zeichen“, meinte er. „Die Wunden  verheilen. Er dürfte bald wieder putzmunter sein. Ich gebe euch mein Wort.“

Die Leute an Fürst Mitsushiges Seite vernahmen ungläubig seine Worte und dachten dabei: „Sakuan hat der Verstand verloren. Die Sache ist völlig hoffnungslos.“

Sakuan ließ Wandschirme um Mitsushiges Bett aufstellen und kam nach einer Weile hervor und verabreichte ihm Medizin. Sehr schnell verheilten die Wunden und der Patient wurde wieder völlig gesund. Sakuan erzählte später jemandem im Vertrauen: „Als ich dem Fürst die Medizin gab, hatte ich mit meinem Leben bereits abgeschlossen. Falls er sich nicht erholt hätte, hätte ich mir den Bauch aufgeschlitzt und wäre mit ihm gestorben.“

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Als Nakano Takumi im Sterben lag, versammelte er seine ganze Belegschaft um sich und sagte: „Es gibt drei wichtige Dinge im Leben eines Gefolgsmanns: erstens den Willen des Meisters, zweitens den Wunsch zu leben und drittens den Tod.“

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Als sich einige Männer auf dem Balkon der inneren Festung versammelten, sagte jemand zu Uchida Shouemon: „Man sagt, Ihr wäret Schwertlehrer, aber aus Euren Manieren schließe ich, dass Eurer Unterricht nicht viel taugt. Wenn Ihr als Kaishaku fungieren müsstet, dann würdet Ihr vermutlich nicht den Hals treffen, sondern nur die Luft.“

Shouemon erwiderte: „Ihr täuscht Euch. Kennzeichnet mit Tinte eine Stelle an Eurem Hals und ich werde Euch mit Freuden beweisen, dass ich sie exakt treffen werde.“

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Nagayama Rokurozaemon kam auf einer Reise die Tokaido hinunter nach Hamamatsu. Als er an einem Gasthaus vorbeikam, sprach ein Bettler ihn trotz seiner Eskorte an: „Ich bin ein Ronin aus Echigo. Ich bin in Schwierigkeiten und mittellos. Wir sind beide Krieger. Bitte helft mir.“

Rokurozaemon wurde wütend und antwortete: „Es ist ein ‚Unverschämtheit zu behaupten, dass wir beide Krieger sind. Wenn ich mich in einem solchen Zustand wie du befände, wurde ich mir den Bauch aufschlitzen. Anstatt auf offener Straße zu betteln und dich zum Gespött der Leute zu machen, solltest du dir auf der Stelle das Leben nehmen!“
Es heißt der Bettler sei schnell verschwunden.

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Makiguchi Yohei war in Leben oft Kaishaku gewesen. Als ein gewisser Kanahara Seppuku begehen sollte, erklärte sich Yohei bereit, sein Kaishaku zu sein. Kanahara stieß sich das Schwert in den Bauch, aber war unfähig, das Schwert durchzuziehen. Yohei trat dicht an ihn heran, stieß ein Schrei aus und stampfte mit dem Fuss auf. Durch diesen Impuls schaffte es Kanahara, seine Aufgabe zu erfüllen. Nachdem Yohei seines Amtes gewaltet hatte, sagte er unter Tränen: „Und das, obwohl er ein guter Freund von mir war...“
Diese Geschichte stammt von Meister Sukeemon.

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Als ein bestimmter Mann Seppuku beging und der Kaishaku ihm den Kopf abschlug, blieb ein Stück Haut übrig und der Kopf wurde nicht vollständig vom Rumpf getrennt. Der offizielle Beobachter monierte: „Es ist noch nicht vollbracht.“ Der Kaishaku wurde wütend, ergriff den Kopf und, nachdem er ihn abgeschnitten hatte, hielt er ihn in Augenhöhe und rief: „Schau mich an!“ Es heißt. Der Blick sei sehr strafend gewesen. Das ist eine Geschichte von Meister Sukeemon.

Früher kam es bei einer Hinrichtung gelegentlich vor, dass der Kopf in hohem Bogen davonflog. Daher war man der Ansicht, es sei am besten wenn ein wenig Haut  übrig blieb, damit der Kopf nicht in Richtung der offiziellen Beobachter  flog. Inzwischen weiß man jedoch, dass es besser ist, den Kopf sauber abzutrennen.

Ein Mann, der über 50 Köpfe abgeschlagen hatte, sagte einmal: „Manchmal kann es passieren, dass der kopflose Körper bei dir eine Reaktion verursacht. Wenn du nur drei Männer hinrichtest, merkst du nichts. Aber wenn es vier oder fünf sind, dann spürst du eine starke Reaktion. Da es von großer Wichtigkeit ist, solltest du dich ausschließlich darauf konzentrieren, den Kopf sauber abzuschlagen. Dann wird dir kein Fehler unterlaufen.“

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Als Fürst Nabeshima Tsunashige npch ein Kind war, wurde Iwamura Kuranosuke damit beauftragt, sich um ihn zu kümmern. Einmal sah Kuranosuke , dass der junge Tsunashige mit Goldmünzen spielte. Er fragte den Gefolgsmann, der die Aufsicht hatte: „Warum hast du dem jungen Meister die Münzen gebracht?“ Der Mann antwortete: „Der Meister hat gehört, dass ein Geschenk für ihn gekommen ist. Er wollte es sehen, also habe ich es ihm gebracht.“ Kuranosuke tadelt den Mann scharf. „Eine bedeutende Persönlichkeit mit so profanen Dingen zu belästigen ist der Gipfel der NAchlässsigkeit. Auch dem Sohn unseres Fürsten solltest du so etwas nicht zeigen. Gefolgsleute, die die Aufsichtspflicht haben, müssen das in Zukunft unbedingt beachten.“
Später, als Fürst Tsunashige 20 Jahre alt war, ging er einmal nach Naekiyama, um sich dort zu vergnügen. Als die Gesellschaft sich ihrem Ziel näherte, verlangte Tsunashige nach einem Wanderstab. Sein Sandalenträger Mikura Jibuzaemon fertigte rasch einen Stab an wollte ihn seinem jungen Herrn übergeben. Kuranosuke sah das und nahm ihm sofort den Stab weg. „Was fällt dir ein? Willst du, dass unser junger Fürst wie ein Tagedieb aussieht? Auch wenn er einen Stab verlangt, muss er ihm verwehrt werden. Das ist die Pflicht eines jeden Gefolgsmannes.“

Jibuzaemon wurde später zum Teakiyari befördert. Tsunetomo hörte die Geschichte von Jibuzaemon höchstpersönlich.

Teakiyari: Ein Krieger, der einen mittleren Rang bekleidet




Aus dem neunten Kapitel


Als Shimomura Shoun auf dem Schloss Dienst tat, sagte Fürst Naoshige: „Es ist wundervoll, dass Katsushige schon so kräftig und mutig für sein Alter ist. Im Ringen besiegt er sogar Kameraden, die älter sind als er.“

Shoun erwiderte: „Obwohl ich ein alter Mann bin, wette ich, dass ich im Sitzen der stärkste Ringer bin.“ Mit diesen Worten ergriff er Katsushige und warf ihn so heftig zu Boden, dass es krachte. Dann belehrte er Katsushige; „Stolz auf deine Kräfte zu sein, bevor du dich bewährt hast, macht dich zum Gespött der Leute. Du bist schwächer, als du aussiehst.“ Daraufhin zog er sich zurück.

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Zu der Zeit, als Matuda Yohei eng mit Ishii Jinku befreundet war, kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Yohei und Nozoe Jinbei. Yohei sandte eine Botschaft an Jinbei, in der stand: „Bitte kommt zu mir und ich werde diese Angelegenheit ein für alle Mal regeln.“ Dann machten er und Jinku sich auf den Weg. Bei Yamabushis Haus in Kihara überquerten sich die einzige Brücke, die es dort gab und zerstörten sie. Als sie über die Ursachen des Streits sprachen und sich gründlich damit auseinander setzten, kamen sie jedoch zu dem Schluss, dass ein Kampf unnötig sei. Sie wollten umkehren, mussten aber feststellen, dass die Brücke nicht mehr existierte.

Als sie nach einer anderen Möglichkeit Ausschau hielten, um den Graben zu überqueren, sahen sie, wie sich in der Ferne die Männer näherten, die sie herausgefordert hatten. Yohei und Jinku beschlossen: „Wir können nicht mehr zurück, und bevor wir uns mit Schande bedecken, kämpfen wir lieber.“

Der Kampf wogte eine Weile hin und her. Schließlich fiel Yohei schwer verletzt zu Boden. Jinbei, der ebenfalls eine tiefe Wunde erhalten hatte, konnte Yohei nicht sehen, weil ihm Blut in die Augen floss. So gelang es Yohei, sich aus seiner bedrohlichen Lage zu befreien und Jinbei zu erschlagen. Aber als er Jinbei den Gnadenstoß geben wollt, hatte er keine Kraft mehr. Er stieß sein Schwert schließlich unter Zuhilfenahme seines Fußes durch Jinbeis Hals.

In diesem Moment kamen seine Freunde und brachten ihn nach Hause zurück. Als Yoheis Wunden verheilt waren, befahl man ihm Seppuku zu begehen. Daraufhin ließ er seinen Freund Jinku rufen und trank mit ihm einen Lebewohltrunk.

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Okubo Toemon von Shioda führte ein Weingeschäft für Nabeshima Kenmotsu. Fürst Okura, der Sohn von Nabeshima Kai no kami, war ein Krüppel und nicht mehr imstande, seine Behausung in einem Ort namens Mino zu verlassen. Er beherbergte Ringkämpfer und pflegte allgemeinen Umgang mit Unruhestiftern. Die Ringkämpfer gingen oft in die nahe gelegenen Dörfer und belästigten die Bevölkerung. Einmal kamen sie zu Toemons Geschäft, tranken Sake und beleidigten ihn. Toemon setzte sich gegen sie mit der Hellebarde zur Wehr, aber da sie zu zweit waren, wurde er getötet.

Sein Sohn Kannosuke war 15 Jahre alt und studierte im Jozeiji-Tempel. Als er von dem Vorfall erfuhr, schwang er sich aufs Pferd und ergriff ein Kurzschwert von etwa 40 Zentimeter Länge. Damit stürzte er sich in den Kampf und töte seine zwei erwachsenen Gegner in kürzester Zeit. Obwohl Kannosuke 13 Wunden davontrug und viel Blut verlor, erholte er sich wieder. Später nannte man ihn Doko und es heißt, er sei ein ausgezeichneter Masseur geworden.

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Man sagt, das Tokunaga Kichizaemon sich wiederholt beklagte: „ Ich bin so alt und schwach geworden, dass ich, selbst wenn es zu einer Schlacht käme, zu nichts mehr nütze wäre. Trotzdem wünsche ich mir nichts sehnlicher, als noch einmal hoch zu Ross in die feindlichen Reihen zu sprengen und im Kampf zu fallen. Es wäre eine Schande, friedlich im Bett zu sterben.“

Es heißt, der Priester Gyojaku hörte das, als er noch ein Novize war. Gyojakus Meister war der Priester Yomon, der Kichizaemons jüngstes Kind war.

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Als Sagara Kyuma zu einem der Hauptvasallen befördert wurde, sagte er zu Nabeshima Heizaemon: „Aus  irgendeinem Grund stand ich von jeher in der Gunst des Meisters und habe jetzt einen hohen Posten angeboten bekommen. Da ich keinen zuverlässigen Gefolgsmann habe, besteht die Gefahr, dass ich meinen Verpflichtungen nicht angemessen nachkommen kann. Ich möchte Euch daher bitten, mir Euren Gefolgsmann Takase Jibusaemon zu überlassen.“ Heizaemon hörte ihm schweigend zu und sagte dann: „Es ist sehr schmeichelhaft, dass ihr denkt, mein Gefolgsmann wäre der richtige Mann für Euch. Ich bin einverstanden.“

Als er jedoch Jibusaemon von seinem Entschluss berichtete, sage dieser: „Ich möchte mit Meister Kyuma persönlich reden.“ Er ging zu Kysumas Haus und erklärte ihm: „Ich weiss, dass es eine große Ehre ist, dass ihr an mich gedacht habt und an meinen Herrn herangetreten seid. Aber ein Gefolgsmann kann seinen Herrn nicht wechseln. Da ihr ein bedeutender Mann seid, würde ich als Eurer Gefolgsmann im Wohlstand leben. Aber dieser Wohlstand wäre für mich Selbstbetrug. Weil Heizaemon einen niederen Rang bekleidet und nur einen knappen Sold erhält, leben wir von billigem Haferschleim. Aber mir schmeckt er süß. Bitte bedenkt das.“
Kyuma war aufs Höchste beeindruckt.

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Ein Mann kam spätabends nach Hause und erwischte seine Frau dabei, wie sie mit einem Fremden Ehebruch beging. Er tötete den Mann. Dann riss er eine Hauswand ein und türmte Reis zu einem Haufen auf, damit die Behörden glaubten, er habe einen Dieb getötet. Sein Plan ging auf. Einige Zeit später ließ er sich von seiner Frau scheiden.

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Als ein Mann nach Hause kam, entdeckte er, dass seine Frau gerade mit einem seiner Gefolgsmänner schlief. Als er sich den beiden näherte, lief der Gefolgsmann durch die Küche davon. Der Mann ging daraufhin ins Schlafzimmer und tötete seine Frau.
Dann rief er seine Hausbedienstete und erklärte ihr die Situation. „Da dieser Vorfall die Kinder verwirren könnte, sollte der Tod meiner Frau als Todesfall infolge einer Erkrankung getarnt werden. Dazu brauche ich ihre Hilfe. Wenn Sie dazu nicht bereit sind, kann ich Sie genauso gut dafür töten, dass Sie den Ehebruch gedeckt haben.“
Sie antwortete: „Wenn Ihr mich verschont, werde ich so tun, als wüsste ich von nichts.“ Sie brachte das Schlafzimmer wieder in Ordnung und richtete die Leiche in einem Nachthemd her. Dann schickten sie einen Mann zum Arzt und ließen ihn in drängendem Ton ausrichten, es gäbe einen plötzlichen Krankheitsfall in der Familie. Danach schickten sie einen anderen Mann, der sagte, es sei zu spät und der Arzt brauchte nicht mehr kommen. Der Onkel der Ehefrau wurde gerufen und glaubte die Geschichte mit der Krankheit. Die ganze Affäre wurde als Tod durch Krankheit deklariert und niemand erfuhr jemals die Wahrheit. Später wurde der Gefolgsmann entlassen. Diese Geschichte trug sich in Edo zu.

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Als an Neujahr im dritten Jahr des Keicho an einem Ort in Korea namens Yolsan die Truppen der Ming zu hunderttausenden aufmarschierten, sah die japanische Armee staunend und mit angehaltenem Atem zu. Fürst Naoshige sagte: „Alle Achtung! Das sind wirklich viele Männer. Wie viel hunderttausend mögen es wohl sein?“
Jin´emon sagte: „Bei uns gibt es für etwas, das man nicht zählen kann den Ausdruck: `So viel wie Haare auf einem dreijährigen Kalb´ - die da drüben sind bestimmt mindestens so zahlreich wie die Haare eines dreijährigen Kalbs!“ Alle mussten über diesen Vergleich lachen und ihr Kampfgeist kehrte zurück.
Später erzählte Fürst Katsushige bei der Jagd auf dem Berg Shiroishi Nakano Matabei von diesem Vorfall. „Außer deinem Vater, der so eine kesse Lippe riskierte, waren alle starr vor Angst.“

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Nakano Jin´emon pflegte immer wieder zu sagen: „Ein Mann, der seinem Herrn nur ergeben ist, wenn er freundlich von ihm behandelt wird, ist kein wahrer Gefolgsmann. Einer, der seinem Meister auch dann hingebungsvoll dient, wenn dieser herzlos und unvernünftig ist, der ist ein richtiger Gefolgsmann. Das solltet ihr euch immer vor Augen halten.

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Als Yamamoto Jin´emon 80 Jahre alt war, wurde er krank. Als er sehr starke Schmerzen hatte, sagte jemand zu ihm: „Sie werden sich besser fühlen, wenn sie stöhnen. Nur zu.“ Aber er erwiderte: „Das werde ich nicht tun. Jedes Kind kennt den Namen Yamamoto Jin´emon. Ich habe mein ganzes Leben hindurch meine Schwächen erfolgreich bekämpft. Es darf nicht sein, dass die Leute mich bei meinem Ende stöhnen hören.“ Man sagt, er habe bis zuletzt keinen Laut von sich gegeben.

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Ein Sohn von Mori Monbei geriet in einen Kampf und kehrte verwundet nach Hause zurück. Als Monbei fragte: „Und dein Gegner?“, antwortete sein Sohn: „Ich habe ihn getötet.“
Als Monbei außerdem fragte: „Hast du ihm den Gnadenstoß gegeben?“, erwiderte sein Sohn: „Das habe ich in der Tat.“* Daraufhin sagte Monbei: „Du hast richtig gehandelt und brauchst nichts zu bereuen. Du hast zwar gegen das Gesetz verstoßen und man wird die befehlen Seppuku zu begehen. Aber wenn du den Kampf vermieden hättest, würdest du als Feigling gelten und müsstest ebenfalls Seppuku begehen. Sobald du dich besser fühlst, werde ich die assistieren. Denn du sollst durch keine andere Hand fallen als die deines Vaters.“ Und bald darauf fungierte er als Kaishaku für seinen eigenen Sohn.

 *  Der Gnadenstoß wurde Todome genannt und bestand darin dem Besiegten das Schwert durch den Hals zu stoßen.

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Ein Mann aus der Gruppe von Aiura Genzaemon beging eine ruchlose Tat. Sein Gruppenführer übergab ihm bald danach einen schriftlichen Befehl, in dem stand, dass er zum Tode verurteilt war. Die Hinrichtung sollte Genzaemon vornehmen. Genzaemon las den Befehl und sagte zum Verurteilten: „Hier steht, ich soll Euch töten. Ich werde das Urteil am östlichen Ufer vollstrecken. Ihr seid in der Schwertkampfkunst unterrichtet… Nun kämpft so gut ihr nur könnt.“ Der Mann antwortete: „Das werde ich tun“ Nur in Begleitung von Genzaemon verließ er das Haus.
Sie waren etwa 20 Meter am Graben entlanggegangen, als ein Gefolgsmann von Genzaemon ihm von der anderen Seite des Grabens anrief. Als Genzaemon sich umdrehte, griff ihn der Verurteilte mit dem Schwert an. Genzaemon wich dem Hieb aus, zog sein Schwert und tötete den Mann. Dann ging er nach Hause.
Er legte die Kleider, die er beim Kampf getragen hatte, in eine Kiste und schloss sie ab. Solange er lebte, zeigte er nie jemandem die Kleider. Als er starb und die Kleider untersucht wurden, stellte sich heraus, dass der Schwerthieb sie damals der Länge nach aufgeschlitzt hatte. Diese Geschichte habe ich von seinem Sohn Genzaemon junior.

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Jeder sagt, es wird kein Meister der Künste mehr erscheinen, wenn die Welt sich ihrem Ende nähert. Das kann ich beim besten Willen nicht verstehen. Wundervolle Blumen wie die Pfingstrose, die Azalee und die Kamelie werden weiterwachsen, ende der Welt hin oder her. Wenn die Menschen sich das klar machen würden, dann würden sie anders reden. Und wenn die Menschen nur die Meister unserer Zeit wahrnehmen würden, wäre ihnen klar, dass es in jedem Fach Meister gibt. Aber die Leute lassen sich von der Idee verschrecken, dass die Welt sich ihrem Ende nähere - und lassen sich hängen. Das ist eine Schande. An unserer Zeit ist nichts auszusetzen.

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Als Fukahori Magoroku noch als zweiter Sohn bei seinen Eltern lebte, ging er einmal in Fukahori jagen. Sein Gefolgsmann verwechselte ihn im Unterholz mit einem wilden Eber und feuerte sein Gewehr ab. Dabei verwundete er Magoroku am Knie, sodass er schwer stürzte. Der entsetzte Gefolgsmann riss sich seine Oberbekleidung vom Leib und wollte Seppuku begehen. Magoroku hielt ihn jedoch zurück: „Du kannst dich später entleiben. Mir geht es nicht besonders gut, also bring mir Wasser. Ich bin durstig.“ Der Vasall rannte los, fand Wasser und brachte es seinem Meister. Dabei beruhigte er sich etwas. Danach wollte er sich wieder das Leben nehmen, aber Magoroku hinderte ihn mit Gewalt daran. Als sie nach Hause kamen und die Wache passierten, ließ Magoroku seinen Vater Kanzaemon rufen und bat ihn, dem Gefolgsmann zu verzeihen. Kanzaemon sagte zu dem Vasallen: „Dieser Fehler hätte jedem unterlaufen können, also mach dir darüber keine Sorgen. Es gibt keinen Grund, dich zu bestrafen. Setze deine Arbeit fort.

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Ein Mann namens Takagi geriet mit drei Bauern aus der Nachbarschaft in ein Handgemenge und wurde von ihnen draußen auf dem Feld tüchtig verprügelt. Er kehrte heim. Als er seiner Frau erzählte, was passiert war, sagte sie: „Hast du den gar kein Ehrgefühl im Leib?“
„Doch, natürlich!“, antwortete er. Daraufhin sagte sie: „Man stirbt nur ein Mal. Von den verschiedenen Arten zu sterben - an einer Krankheit, in einer Schlacht, durch Seppuku oder Enthauptung - ist die unrühmlichste, in Schimpf und Schande zu sterben.“ Sie ging hinaus und kehrte bald zurück, brachte die zwei Kinder zu Bett und bereitete einige Fackeln vor. Als die Nacht hereinbrach, legte sie die Kleider an, die sich für einen Kampf eigneten und sagte: „Als ich vorher Ausschau hielt, sah ich, wie die drei Männer sich für eine Unterredung an einen Ort zurückgezogen haben. Jetzt ist die richtige Zeit. Lass uns schnell gehen!“
Sie machten sich mit brennenden Fackeln und mit Kurzschwertern bewaffnet auf den Weg, der Ehemann voran. Sie drangen in die Behausung ihrer drei überraschten Gegner ein und griffen gemeinsam an. Zwei Männer wurden getötet, den dritten verwundeten sie. Dem Ehemann wurde später befohlen Seppuku zu begehen.


Aus den zehnten Kapitel

Ein Gefolgsmann von Ikeda Shingen brach mit einem anderen Mann einen Streit vom Zaun, warf ihn zu Boden, prügelte auf ihn ein und trat ihn, bis seine Kameraden ihn von ihm wegzerrten. Der Ältestenrat versammelte sich und beschloss: „Der Mann, der getreten wurde, sollte bestraft werden.“ Shingen hörte das und sagte: „Ein Kampf sollte zu Ende geführt werden. Einen Mann, der den Weg des Samurai vergisst und nicht sein Schwert benutzt, werden die Götter und Buddha verlassen. Um ein Exempel zu statuieren, sollen beide Männer hingerichtet werden.“ Die Männer, die die Streithähne getrennt hatten, wurden entlassen.

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In Yui Shosetsus Militärinstruktionen „Der Weg der großen Drei“ gibt es eine Passage über den Charakter des Karmas*. Shosetsu erhielt eine ungefähr 18 Kapitel umfassende mündliche Belehrung über den großen Mut und den kleinen Mut. Er schrieb sie weder auf noch merkte er sie sich. Im Gegenteil - er vergaß sie völlig. Als er dann gefährlichen Situationen ausgesetzt war, reagierte er instinktiv, und das, was er gelernt hatte, wurde zu seinem eigenen Wissen. Das ist der Charakter des Karmas.

*Die großen Drei waren der Himmel, die Erde und der Mensch.


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Wenn du in einer kritischen Lage bist, verreibe Spucke auf deinem Ohrläppchen und atme tief durch die Nase aus, dann wirst du jede Situation meistern. Wenn dir das Blut in den Kopf schießt, gib Spucke auf den oberen Teil deines Ohrs, das wirkt beruhigend.

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Tzu Ch´an lag im Sterben, als ihn jemand fragte, wie das Land regiert werden sollte. Er antwortete:
„Das Beste ist, mit Milde zu regieren. Es birgt jedoch erhebliche Gefahren. Eine halbherzige Mildtätigkeit führt zu Missbrauch und Nichtachtung der Gesetze. Wenn eine nachsichtige Regierung sich nicht durchsetzen kann, ist es besser, streng zu regieren. Streng regieren bedeutet durchzugreifen, bevor es zu schweren Ausschreitungen kommt, und das Böse bereits im Keim zu ersticken. Strenge zu zeigen, indem man zugelassen hat, dass das Böse aufkeimt, wirkt hinterhältig. Nur wenige Menschen verbrennen sich ein zweites Mal am Feuer. Leute dagegen, die keine Angst vor Wasser haben, sind schon häufig ertrunken.“

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Jemand sagte: „Ich kenne die Form des Verstandes und die Form der Frau.“ Als jemand ihn fragte, was er damit meinte, antwortete er: „Der Verstand ist viereckig und bewegt sich auch in einer Extremsituation nicht von der Stelle. Die Frau ist rund. Sie macht keinen Unterschied zwischen Gut und Böse, Richtig oder Falsch und rollt überallhin.“

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Die Hofetikette verlangt, dass man zu Beginn und am Ende einer Zeremonie rasch und sicher die vorgeschriebenen rituellen Handlungen durchführt und sich während der Zeremonie ruhig verhält. Mitani Chizaemon befand: „Genau dieselben Regeln sollte auch ein Kaishaku beachten.“


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Fukae Angen begleitete einen Bekannten zum Priester Tesshu von Osaka und sagte dem Priester unter vier Augen: „Dieser Mann möchte den Buddhismus beitreten und hofft, von Euch unterrichtet zu werden. Er ist zum Buddhismus berufen.“

Bald nach diesem Gespräch sagte der Priester: „Angen schadet anderen. Er sagte, dieser Mann sei ein guter Mann. Aber was sind seine Qualitäten?“ Tesshu konnte bei ihm keine besonderen Qualitäten erkennen. Es ist keine gute Idee, Lute vorschnell anzupreisen. Wer gelobt wird, ob weise oder dumm, wird überheblich. Jemand loben heißt ihm schaden.


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Als Hotta Kaga no kami Masamori Knappe des Shoguns* war, legte er eine derartige Willensstärke an den Tag, dass der Shogun ihn auf die Probe stellen wollte. Dazu erhitzte der Shogun eine Zange und steckte sie in den Herd. Masamori pflegte zum Herd zu gehen, die Zange zu nehmen und den Meister zu grüßen. Als er diesmal die Zange nichts ahnend aufhob, wurden seine Hände sofort verbrannt. Als er trotzdem in der gewohnten Weise grüßte, stand der Shogun schnell auf und nahm ihm die Zange ab.

*Tokugawa Ieyasu war damals Shogun


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Ein Mann sagte: „Wenn die Verteidiger einer belagerten Festung bereit sind sich zu ergeben, aber ein oder zwei Männer entschlossen sind auszuharren, müssen am Ende alle sterben.

Wenn ein Mann, der die Kapitulation entgegennehmen soll, sich dem Schloss nähert und die ein oder zwei Männer, die zu seiner Verteidigung entschlossen sind, aus dem Hinterhalt auf ihn feuern, ist der Mann empört und die Schlacht geht weiter. Das Schloss wird gestürmt. Das nennt man von den Belagerten zur Belagerung gezwungen werden.“

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Der buddhistische Priester Ryozan verfasste erläuternde Kommentare zu Fürst Takanobus Schlachten. Ein anderer Priester sah das und kritisierte ihn: „Es geziemt sich nicht für einen Priester, über einen General zu schreiben. Egal wie einnehmend sein Stil ist, in militärischen Dingen ist er nicht bewandert und deshalb ist die Gefahr groß, dass er die Worte des berühmten Feldherrn falsch deutet. Es wäre respektlos, die Gedanken einen großen Mannes der Nachwelt in verfälschter Form zu hinterlassen.“

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Jemand sagte einmal: „Im Grabmal der Heiligen steht folgendes Gedicht:

*Wer in seinem Herzen
Dem Pfad der Wahrheit folgt.
Werden den nicht,
Auch wenn er nicht betet,
Die Götter beschützen?

Was ist der Pfad der Wahrheit?“

Jemand antwortete ihm: „Sie scheinen Gedichte zu mögen. Ich will ihnen mit einem Gedicht antworten.

Da alles Trug ist in dieser Welt,
Ist der Tod die einzige Wahrheit.

Es heißt jeden Tag so zu leben, als wäre man schon tot, ist der Pfad der Wahrheit.“

*Das „Grabmal der Heiligen“ wurde erbaut von Sugawara no Michizane (845-903). Das Multitalent war -  neben seiner Tätigkeit als Regierungsbeamter -, Gelehrter, Dichter und Kalligraph während der frühen Heian-Periode. Er wurde aus der Hauptstadt verbannt und starb in Dazaifu auf Kyushu. Später wurde er zum Schutzpatron der Literatur ernannt.


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Es heißt, wenn man ein Gedicht der Länge nach aufschneidet, darauf uriniert und mit Strohsandalen darauf herumtrampelt, dann löst sich die Haut ab. Das hörte der Priester Gyojaku, als er in Kyoto war.

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Einer von Matsudaira Sagami no kamis Gefolgsmännern ging  nach Kyoto, um Schulden einzutreiben, und mietete ein Zimmer in einem Gasthaus in der Stadt. Eines Tages, als er vor dem Haus stand und die vorbeigehenden Leute betrachtete, hörte er, wie jemand sagte: „Es heißt, die Männer des Fürsten Matsudaira sind gerade in einen Kampf verwickelt.“ Der Gefolgsmann dachte besorgt: „Einige unserer Leute sind hier stationiert, um die Kameraden in Edo zu entlasten. Vielleicht sind das die Männer, die in Schwierigkeiten stecken.“ Er fragte den Passanten nach dem Schauplatz des Kampfes und rannte los. Aber als er außer Atem anlangte, waren seine Kameraden bereits erschlagen worden und ihre Gegner wollten ihnen gerade den Gnadenstoß versetzen. Er stieß einen Schrei aus, tötete die beiden Männer und kehrte zum Gasthaus zurück.

Ein hoher Beamter des Shogunats wurde von dem Vorfall unterrichtet und lud den Gefolgsmann vor, um ihn zu befragen. „Sie haben Ihren Kameraden im Kampf beigestanden und damit gegen den Erlass der Regierung verstoßen. Ist das richtig?“

Der Mann erwiderte: „Ich bin vom Lande und es fällt mir schwer, alles zu verstehen, was Euer Ehren sagt. Könntet ihr bitte wiederholen, was ihr gesagt habt?“

Der Beamte wurde ärgerlich und  sagte: „haben Sie etwas an den Ohren? Haben Sie nicht einen Kampf provoziert, Blut vergossen und gegen das Gesetz verstoßen?“

Der Mann gab zur Antwort: „Ich habe nun verstanden was Ihr sagt. Ihr sagt, ich hätte gegen das Gesetz verstoßen und dem Erlass der Regierung zuwidergehandelt, aber das ist nicht der Fall. Alle Lebewesen hängen an ihrem Leben und das gilt selbstverständlich auch für uns Menschen. Gerade ich hänge sehr an meinem Leben. Aber ich dachte, wenn mir zu Ohren kommt, dass meine Kameraden in einem Kampf verwickelt sind, und ich so tue, als hätte ich es nicht gehört, würde ich den Weg des Samurai verlassen. Darum rannte ich zum Ort des Kampfes. Wie ein Feigling umzukehren, nachdem ich gesehen habe, dass meine Freunde tot waren, hätte sicher mein Leben verlängert. Aber es wäre nicht im Einklang  mit dem Weg des Samurai gewesen. Um den Geboten unseres Wegs zu folgen, überwand ich die Angst um mein Leben und warf mich auf die Feinde. Ich bitte darum, sofort hingerichtet zu werden.“

Der Beamte war sehr beeindruckt und ließ die Sache auf sich beruhen. Fürst Matsdaira ließ er mitteilen: „Ihr habt einen sehr wertvollen Mann in Euren Diensten. Bitte gehandelt ihn gut.“


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Ein Ausspruch von Priester Bankei lautet:

„Verlasse dich weder auf die Hilfe von anderen noch auf deine eigene Kraft; verscheuche die Gedanken an die Vergangenheit oder an die Zukunft und lege die Alltagssorgen ab … dann liegt der große Weg direkt vor dir.“ *

* Es gibt zwei Richtungen im japanischen Buddhismus. Die eine, Tariki genannt, betont das Vertrauen auf die Stärke und Güte Buddhas; die andere, Jiriki, steht für die Selbstverantwortung auf dem Weg zur Erleuchtung. Letztere ist typisch für die Zen-Gruppierungen.


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Fürst Somas Familienstammbaum war der vollständigste Stammbaum in ganz Japan. Als sein Herrensitz einmal unvermutet in Flammen aufging und lichterloh brannte, sagte er: „Es tut mir nicht Leid um das Haus oder das Mobiliar, selbst wenn nichts davon übrig bleibt. Diese Dinge sind ersetzbar. Ich bedauere nur, dass ich nicht in der Lage war, den Stammbaum zu retten, den größten Schatz meiner Familie.“

Ein Samurai unter den Anwesenden hörte seine Worte und sagte: „Ich werde ins Haus gehen und den Stammbaum retten.“

Fürst Soma und alle anderen lachten und sagten: „Das Haus ist schon vom Feuer eingeschlossen. Wie willst du den Stammbaum noch retten?“

Der verlachte Samurai war nie besonders redegewandt gewesen und hatte sich auch nicht durch besondere Leistungen hervorgetan. Sein größter Pluspunkt war seine Zuverlässigkeit. Er erwiderte: „Ich war nie von großem Nutzen für den Meister, weil ich so nachlässig bin. Aber ich war immer entschlossen, meinem Meister eines Tages von Nutzen zu sein. Es scheint, dieser Zeitpunkt ist jetzt da.“ Mit diesen Worten stürzte er sich in die Flammen.

Nachdem das Feuer erloschen war, befahl der Meister: „Sucht nach seinem Leichnam. Wie schade um ihn!“

Sie suchten überall und fanden die verkohlte Leiche schließlich im Garten, der an das Haus angrenzte. Als sie ihn auf den Rücken drehten, floss Blut aus seinem Bauch. Er hatte sich den Bauch aufgeschlitzt und den Stammbaum hineingelegt. Der Stammbaum war völlig unbeschädigt. Seit dieser Zeit nennt man ihn den „Blutstammbaum“.

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Ein Mann sagte einmal: „Es ist falsch anzunehmen, im I Ching gehe es um Prophezeiungen. Das Gegenteil ist der Fall! Das lässt sich daran erkennen, dass der chinesische Schriftzug „I“ sich liest wie „Wandel“. Auch wenn jemandem Glück prophezeit wird, wird er, wenn er Böses tut, Unglück haben. Und wenn jemandem Unglück prophezeit wird, werden ihm gute Taten Glück bringen.
Konfuzius` Ausspruch: ,Wenn ich mich viele Jahre einer Aufgabe widme und dadurch lerne, mich zu wandeln (I), werde ich die großen Fehler, die mir fast jeden Tag unterlaufen, nicht mehr machen´ ist keine Erkenntnis, die er durch das Studium des I Ching gewonnen hat.“

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Hirano Gonbei gehörte zu den „Sieben Lanzen“*, das heißt er war einer der Männer, die bei der Schlacht von Shizugatake geradewegs den Hügel hinaufstürmten. Später wurde er einer von Fürst Ieyasus Hatamoto. Einmal war er zu Gast bei Meister Hosokawa. Der Meister umwarb ihn mit schmeichelhaften Komplimenten: „Gonbei, Eure Tapferkeit ist in ganz Japan bekannt. Es ist eine Schande, dass ein Mann Eures Formats nur einen so niederen Rang bekleidet. Das muss Euch doch kränken. Wenn Ihr mein Gefolgsmann würdet, würde ich Euch die Hälfte meiner Ländereien abtreten.“

Gonbei stand wortlos auf und ging hinaus auf die Veranda. Dort dreht er sich zum Haus und urinierte dagegen. Dann sagte er: „Wäre ich nicht der Gefolgsmann von Fürst Ieyasu, würde ich mich nicht damit begnügen, das Haus anzupinkeln.“


* Die „Sieben Lanzen“ waren sieben Krieger, die durch ihren Mut in der Schlacht von Shizugatake im Jahre 1583 berühmt wurden.

Hatamoto: Ein Samurai während der Edo-Epoche (1603-1868), der direkt dem Befehl des Shoguns unterstand
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Als der Priester Daiyu aus Sanshu einen Krankenbesuch bei einem Gläubigen machte, wurde ihm mitgeteilt: „Der Mann ist soeben gestorben.“ Daiyu sagte: „Das hätte nicht passieren dürfen. Er ist sicher falsch behandelt worden. Was für eine Schande!“

Der behandelnde Arzt war noch da und hörte auf der anderen Seite des Shoji, was der Priester sagte. Er wurde sehr wütend, kam heraus und sagte: „Ich hörte Eurer Gnaden sagen, dieser Mann sei wegen einer falschen Behandlung gestorben. Da ich nur ein Kurpfuscher bin, ist das wohl die Wahrheit. Nun ist mir zu Ohren gekommen, das ein Priester das buddhistische Gesetz verkörpert. Nun last mich sehen, ob Ihr den Toten wieder ins Reich der Lebenden zurückholen könnt. Wenn Euer Glauben das nicht vermag, ist er nichts wert.“

Daiyu war überrumpelt, aber glaubte, es als Priester nicht zulassen zu dürfen, dass der Buddhismus in den Schmutz gezogen wurde. Darum sagte er: „Ich werde Ihnen tatsächlich zeigen, wie man ihn durch ein Gebet wieder belebt. Bitte haben Sie einen Moment Geduld. Ich muss Vorbereitungen treffen“, und kehrte zum Tempel zurück. Bald kam er wieder zurück und begann, neben dem Leichnam zu meditieren. Nach kurzer Zeit fing der Mann wieder an zu atmen und erwachte wieder vollständig zum Leben. Man sagt, er habe noch ein halbes Jahr gelebt. Da der Priester Tannen diese Geschichte aus erster Hand hat, ist sie zweifellos wahr.

Als er erzählte, wie er gebetet hatte, sagte Daiyu: „Ein Gebet, um Tote wiederzuerwecken, war mir nicht bekannt. Deshalb wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich fasste mir ein Herz und gedachte des buddhistischen Gesetzes, kehrte zum Tempel zurück, schärfte ein Kurzschwert, das dem Tempel als Opfergabe überlassen worden war, und verbarg es in meinem Gewand. Dann betrachtete ich den Toten und betete: ,Wenn das buddhistische Gesetz Macht über dich hat, dann kehre sofort wieder ins Leben zurück.´ Da ich durch eigenes Verschulden in diese Situation geraten war, war ich entschlossen, mir den Bauch aufzuschlitzen und die Leiche umarmend zu sterben, wenn er nicht wieder aufstehen sollte.“

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Als Yamamoto Gorozaemon zum Priester Tetsugyu ging, wollte er von ihm etwas über den Buddhismus lernen. Tetsugyu sagte: „Der Buddhismus schaltet den analytischen Verstand aus. Das ist alles. Ich will Euch das veranschaulichen. Das chinesische Schriftzeichen für ,Feigheit´ [IX] entsteht, indem man dem Schriftzeichen für ,Sinn´[X] das Schriftzeichen für ´Verstand´[I] hinzufügt. Dadurch wird aus ,Sinn´ der , analytische Verstand´ , und wenn ein Mann seinem gesunden Instinkt den analytischen Verstand hinzufügt, wird aus ihm ein Feigling. Wie kann jemand bedingungslos den Weg des Samurai gehen, wenn er seinen analytischen Verstand einsetzt? Ich nehme an, das gibt Euch eine Vorstellung vom Buddhismus.“

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Nach einem der Ältesten solltest du deinen Gegner auf dem Schlachtfeld wählen, wie ein Falke seine Beute wählt. Da der Falke in einem ganzen Schwarm von Vögeln aufschreckt, konzentriert er sich ausschließlich auf den Vogel, den er sich ausgesucht hat.

Abgesehen davon ist ein Tezuke no kubi* ein Kopf, den man sich genommen hat, nachdem man erklärt hat: „Ich wähle den Krieger mit jener Rüstung.“

*Tezuke no kubi bedeutet: „Der Kopf, an den man Hand angelegt hat“

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In einer Passage des Koyogunkan ist ein Gespräch von zwei Samurai wiedergegeben. Der erste sagt: „jedes Mal, wenn ich einem Gegner Auge in Auge gegenüberstehe, habe ich das Gefühl, in ein schwarzes Loch zu fallen. Dadurch bin ich häufig schwer verwundet worden.  Obwohl du gegen viele berühmte Krieger angetreten bist, wurdest du nie verletzt. Wie kommt das?“

Der andere Mann antwortet: „Wenn ich dem Feind ins Gesicht schaue, geht es mir genauso wie dir. Auch ich falle in ein schwarzes Loch. Aber wenn ich meinen Geist beruhige, dann ist mir, als würde ein bleicher Mond die dunkle Nacht erhellen. Das verleiht mir beim Angriff ein Gefühl von Unverwundbarkeit.“


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Eine Gewehrkugel, die auf Wasser trifft, wird davon abprallen. Es heißt, wenn man das Wasser zuvor mit einem Messer oder den Zähnen zerteilt, wird die Kugel hindurchgehen. Abgesehen davon ist es hilfreich - zum Beispiel wenn du mit dem Meister auf die Jagd gehst -, deine Kugel mit einem Zeichen zu versehen. Das kann in einer gefährlichen Situation sehr nützlich sein.

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Als Meister Owari, Meister Kii und Meister Mito* zehn Jahre alt waren, ging  Fürst Ieyasu eines Tages mit ihnen in den Garten und zerstörte ein großes Wespennest. In Schwarm angriffslustiger Wespen erhob sich und Meister Owari und Meister Kii liefen ängstlich davon. Statt ebenfalls die Flucht zu ergreifen, klaubte Meister Mito sich ruhig eine Wespe nach der anderen aus dem Gesicht und blieb.

Ein anderes Mal, als Fürst Ieyasu Kastanien in einem Herd röstete, lud er die Kinder ein, sich zu ihm zu gesellen.Als die Kastanien heiß waren, sprangen sie fast alle gleichzeitig aus dem Feuer. Zwei der Jungen zogen sich furchtsam zurück. Meister Mito jedoch hob die Kastanien, die auf den Boden gefallen waren, auf und warf sie zurück in den Herd.

*Owari, Kii und Mito waren der neunte, der zehnte und der elfte Sohn von Tokugawa Ieyasu. Ihre Namen sind identisch mit ihren Herrschaftsgebieten.

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Um Medizin zu studieren, ging Eguchi Toan zum alten Yoshida Ichian, der in der Nähe von Edo lebte. Zu dieser Zeit lehrte in der Nachbarschaft ein Mann die Schwertkampfkunst, bei dem Toan gelegentlich trainierte. Eines Tages bekam , Toan von einem Ronin - der bei demselben Mann trainierte - Besuch. Der Schwertschüler verabschiedete sich mit den Worten: „Ich werde mir heute einen jahrelang gehegten  Wunsch erfüllen. Ich erzähle dir das, weil du mich mmer freundlich behandelt hast.“ Toan war das nicht geheuer und er folgte dem Mann. Er sah, wie ein Mann mit reich besticktem Hut dem Ronin entgegenkam.

Nun sah Toan auch den Schwertkampflehrer, der sich acht oder zehn Meter vor seinem Schüler befand. Als der Lehrer an dem Mann mit dem Hut vorbeiging, stieß  seine Schwertscheide gegen die des anderen. Als der Mann sich umdrehte, schlug ihm der Ronin den Hut vom Kopf und verkündete, dass nun die Stunde der Vergeltung geschlagen habe. Solchermaßen überrascht und verwirrt, war der Angegriffene ein leichtes Opfer.  Aus allen umliegenden Bauern- und Stadthäusern kamen Gratulanten. Man sagt, sie brachten dem Ronin sogar Geldgeschenke. Das war eine von Toans Leib-und-Magen-Geschichten.

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Einmal, als der Priester Ungo aus Matsushima nachts durch die Berge wanderte, wurde er von Räubern überfallen. Ungo sagte: „Ich stamme aus dieser Gegend und bin kein durchreisender Pilger. Ich habe keinerlei Geld bei mir, aber wenn ihr wollt, könnt ihr meine Kleider haben. Bitte lasst mich am Leben.“

Die Banditen antworteten: „Na ja, da haben wir Pech gehabt. Für Eure Kleider haben wir keine Verwendung“, und ließen ihn ziehen. Ungo war noch keine 200 Meter gegangen, da kehrte er um und rief: „Ich habe eine Sünde begangen, denn ich habe euch angelogen. In meiner Verwirrung vergaß ich, dass ich ein Silberstück in meinem Geldbeutel trage. Es tut mir sehr leid, dass ich euch angelogen habe. Bitte nehmt es.“ Die Bergräuber waren tief beeindruckt. Noch an Ort und Stelle ließen sie sich von Ungo die Köpfe scheren und wurden seine Schüler.

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In Edo versammelten sich einmal vier oder fünf Hatamoto, um Go zu spielen. Als einer von ihnen auf der Toilette war, brach ein wüster Strei aus. Ein Mann wurde erschlagen, die Lichter gingen aus und es herrschte heillose Verwirrung. Der Mann von der Toilette kam zurückgerannt und rief laut: „Beruhigt Euch alle! Dieser Streit ist völlig unnötig. Zündet die Lampen wieder an! Überlasst den Rest mir.“
Nachdem die Lampen wieder angezündet waren und sich alle beruhigt hatten, schlug er plötzlich dem anderen Mann, der an dem Streit beteiligt war, den Kopf ab. Dann sagte er: „Mein Glück hat mich verlassen, denn ich war beim Kampf nicht anwesend. Wenn das als ein Zeichen für Feigheit gedeutet wird, müsste ich Seppuku begehen. Aber selbst wenn das nicht geschieht, könnte ich mich nicht wehren, wenn mir vorgeworfen würde, ich sei auf die Toilette geflohen. Auch dann wäre der einzige Ausweg Seppuku. Ich habe so gehandelt, weil ich lieber dafür sterben will, dass ich einen Mann erschlagen habe, als in Schimpf und Schande zu sterben.“

Als der Shogun davon hörte, lobte er den Mann.


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Einmal war eine Gruppe von zehn blinden Masseuren in den Bergen unterwegs. Als sie an einem Abgrund entlanggingen, wurden sie alle sehr vorsichtig. Ihre Beine zitterten und waren starr vor Schreck. In diesem Moment stolperte der Mann an der Spitze und stürzte ab. Die anderen riefen: „Um Himmels willen! Was für ein Unglück!“
Aber der Masseur, der abgestürzt war, rief ihnen zu: „Habt keine Angst. Ich habe mir nichts getan. Es geht mir jetzt sogar viel besser, weil ich mich nicht mehr fürchte. Bevor ich fiel, dachte ich: ,Was tue ich nur, wenn ich abstürze?´ und ich litt fürchterliche Angst. Aber jetzt bin ich ruhig*. Wenn ihr eure Angst ablegen wollt, stürzt euch hinunter!“

* Hier wird ein unübersetzbares Wortspiel verwendet. Der blinde Masseur sagt: „Nun bin ich ruhig.“ Dasselbe Schriftzeichen bedeutet auf Chinesisch gleichzeitig „fallen“ und „ankommen“.



*

Hojo Awa no kami versammelte einmal seine Schüler, die er in der Kampfkunst unterwies, damit sie ein damals in Edo berühmter Physiognom untersuchen konnte. Der Mann sollte feststellen, welche der Schüler mutig und welche feige waren. Awa ließ seine Schüler einen nach dem anderen untersuchen und sagte zu ihnen: „Wenn er Tapferkeit in deinen Gesichtzügen liest, dann sollte dich das anspornen, dich noch mehr zu bemühen als bisher, Wenn er Feigheit in deinen Zügen erkennt, dann sollte dein Bemühen sein, dein Leben wegzuwerfen. Mit einer Eigenschaft wird man geboren, es liegt also keine Schande darin.“

Hirose Denzaemon war damals 12 oder 13 Jahre alt. Als er vor dem Physiognom Platz nahm, sagte er mit bebender Stimme: „Wenn Ihr Feigheit in mir lest, töte ich Euch mit einem Schlag!“



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Wenn du etwas zu sagen hast, dann tu es gleich. Wenn du es erst später tust, klingt es wie eine Entschuldigung. Abgesehen davon ist es meistens von Vorteil, deinen Gegner zu überrumpeln. Außerdem ist es der größte Sieg, wenn du deinem Gegner twas beibringst, von dem er profitiert. Das ist im Einklang mit dem Weg.


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Der Priester Ryoi sagte:

„Die stolzen Samurai der alten Tage waren angewidert von dem Gedanken, im Bett zu sterben; sie hofften, auf dem Schlachtfeld einen ruhmvollen Tod zu finden. Auch ein Priester kann den Weg nur gehen, wenn er diese Einstellung hat. Ein Mann, der sich gegen die Umwelt abkapselt und die Gesellschaft anderer Menschen meidet, ist ein Feigling. Nur fehlgeleitete Gedanken können einen Menschen auf die Idee bringen, es sei gut sich abzukapseln. Denn selbst wenn jemand etwas Gutes bewirkt, indem er sich von seinen Mitmenschen zurückzieht, versperrt er den Weg für die nachkommenden Generationen, weil er die Traditionen des Klans nicht weitergibt.


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Takeda Shingens Gefolgsmann Amari Bizen no kami fiel in der Schlacht, du so übernahm sein Sohn Tozo im Alter von 18 Jahren die Position seines Vaters als berittener Samurai, der unter direktem Befehl eines Generals stand. Einmal, als ein Mann aus seiner Gruppe schwer verwundet wurde, befahl ihm Tozo, die Fäkalien eines rothaarigen Pferdes mit Wasser zu vermischt zu trinken. Der Verwundete sagte: „Mein Leben ist mir teuer. Wie kann ich Pferdekot trinken?“
Tozo hörte das und erwiderte: „Was für ein bewundernswert tapferer Krieger! Was du sagst, klingt vernünftig. Wirkliche Loyalität beweisen wir aber damit, dass wir am Leben bleiben, um auf dem Schlachtfeld den Sieg für unseren Herrn zu erringen. Also, wenn du nicht willst, werde ich für dich trinken.“ Dann nahm er einen Schluck vom Heiltrank und gab den Becher an den Mann weiter, der die Medizin dankbar entgegennahm und wieder gesund wurde.





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